»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

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Hamburg ist meine Stadt. Den Blick von der Lombardsbrücke über die Binnenalster hinweg zum Jungfernstieg mit den Türmen von Rathaus, Sankt Petri und Sankt Nikolai tausche ich nicht gegen die Ansichten der Skyline von Manhattan, des Petersdoms in Rom oder der Hafenpanoramen von Sydney und Hongkong.

Die Landungsbrücken waren Ausgangspunkt des Fernwehs und der Sehnsucht meiner Jugend; Sankt Pauli und Altona sind Namen mit dem Klang von Verheißung und Erfüllung des Glücks. Hier wohnen die Menschen, denen ich mich verbunden fühle, auch wenn ich sie nicht kenne. Hamburg, das bedeutet Abschied und Heimkehr, Tränen von Freude und Schmerz.

In Altona, Bahnsteig 11, klettere ich in den Schnellzug nach München. Die Seefahrtschule gewährt uns ein langes Wochenende, das ich zum Besuch meiner Kinder in Bayern nutzen möchte. Ich finde ein Raucherabteil, nur am Fenster sitzt ein Junge, den ich nicht weiter beachte.

„Hallo“, ich lasse mich an der Tür nieder, packe die Tasche auf den Sitz gegenüber und lege meine Füße auf die Tasche. Das ist bequem und versperrt den Zugang. Zwei Leute in einem Abteil sind genug, später kann man dann die Sitze zum Pennen ausziehen. Dann blättere ich im „Spiegel“, wie immer von hinten nach vorn.

„Du mußt nicht unbedingt lesen, wir können uns auch unterhalten.“ Die Stimme, was ist das? Ich blicke auf. Der Junge ist gar kein Junge, das T-Shirt hat Beulen.

„Worüber möchtest du dich denn unterhalten?“ Ich lege den „Spiegel“ zur Seite.

„Wo fährst du denn hin?“

„Nach München, und du?“

„Nur bis Lüneburg, Oma besuchen. Das mache ich fast jedes Wochenende.“

Der Zug setzt sich in Bewegung, es ist früher Nachmittag.

„Was machst du in München?“

„Meine Kinder wollen mich mal wieder sehen.“

„Was, du hast schon Kinder?“

„Zwei, soviel ich weiß. Ich bin nämlich Seemann.“

„Wie alt bist du denn?“

„Neunundzwanzig. Und du bist neunzehn, nicht wahr?“

„Ich werde nächsten Monat zwanzig, aber woher wußtest du das so genau?“

„Neunzehn ist das magische Alter. Immer, wenn ich ein Mädchen treffe, das mir gut gefällt, ist sie neunzehn oder zwanzig.“

„Das hast du nett gesagt. Aber ich habe dich höchstens für fünfundzwanzig gehalten.“

„Und ich habe gedacht, du bist ein Junge, als ich hereinkam!“

„Bin ich nicht, hier.“ Sie wirft sich in die Brust. Ich muß lachen.

Nach dem Dammtor-Bahnhof zieht mein Lieblingsbild vorüber, der Jungfernstieg mit den Türmen dahinter. Wir stehen am Fenster, ihre Hand liegt auf meiner Schulter. Als wir uns zueinander drehen, umfasse ich ihre Taille, sie schiebt ihre Hände in meinem Nacken zusammen. Wir sehen uns lange an. Ihre dunklen Augen erinnern mich an ein Eifelmar. Die Haut ist frisch und rein, die sinnlichen Lippen sind voll und ungeschminkt. Trotz der burschikosen Art ist sie unschuldig wie ein Kind.

„Du bist hübsch mit deinen kurzen Haaren, ich mag das.“

„Möchtest du ein Pfefferminz?“ Sie küsst mich ganz leicht und schiebt mit der Zunge ein Vivil zwischen meine Lippen. Ich schlucke es hinunter und küsse sie richtig. Dann reiben unsere Wangen zärtlich aneinander.

„Verzeihung, ist hier noch was frei?“ Ich habe gar nicht bemerkt, daß wir am Hauptbahnhof halten. Hier steigen viele Menschen zu. Es ist eine ältere Dame, die uns stört. Wir können schlecht nein sagen also sagen wir nichts.

An der Hand werde ich auf den Gang hinausgezogen.

„Ich weiß nicht einmal, wie du heißt.“

„Renate und du bist Karl.“ Ich sehe sie erstaunt an.

„Das Schild an deiner Tasche.“

Wir bleiben bis Lüneburg auf dem Gang, nur einmal hole ich das Büchlein für die Telefonnummer. Renate schmiegt sich an, das Schmusen wird ihr nicht langweilig. Doch es ist nie etwas forderndes in ihrer Liebkosung. Gerade diese Zärtlichkeit erregt mich ungemein. Sie muß mich durch die Jeans hindurch spüren, sagt aber nichts. Einen kurzen Augenblick denke ich an die Toilette, schäme mich aber sofort für diesen Gedanken.

„Du hast eine Klasse Figur, treibst du Sport?“

„Rhönradfahren. Ich bin in einem Verein in Barmbek.“

„Weißt du was, komm doch mit nach München!“

„Das geht nicht, Oma holt mich vom Bahnhof ab. Die macht sich Sorgen, wenn ich nicht komme.“

Klar, wir können Oma nicht einfach auf dem Bahnhof stehen lassen.

Viel zu schnell sind wir in Lüneburg, es ist der erste Halt nach Hamburg-Harburg.

Der Kuß an der Tür ist unendlich, im letzten Moment steigt sie aus.

„Ich glaube“ sagt sie, „ich könnte mich in dich verlieben.“

.................

Renate sehe ich nie wieder. Petra ist gerade zu mir nach Othmarschen gezogen. Aber die halbe Stunde von Altona nach Lüneburg bedeutet mir mehr als die letzten Jahre meiner Ehe.

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