»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 40

“Good morning sir” hörte er eine Stimme sagen, sie gehörte einem der jungen Männer, die jeden Morgen die Kokosnüsse von den Palmen herunter schlugen.
Auf dem Weg zum coffee shop sah er, wie Tommy mit einem Mädchen auf dem Balkon frühstückte. Peter ließ sich viel Zeit mit “scrambled eggs with bacon, coffee, juice and fruit.”
Als er in ihr Zimmer kam, war Tommy alleine. Noch nie hatte er den Jungen so aufgeräumt gesehen.

“Schade daß du sie nicht mehr gesehen hast” sagte Tommy, “sie ist gerade weg. Ein Königskind, wie du immer sagst.”

“Ich habe sie gesehen” antwortete Peter, “aber nur von weitem auf dem Balkon. Ob du Spaß hattest, brauche ich wohl nicht zu fragen?”

“Das war die schönste Nacht in meinem ganzen Leben” berichtete der Junge begeistert, “ich habe nicht geglaubt, daß es so etwas geben kann.”

An ihrem letzten Abend luden sie den Chiefmate und den Bootsmann in ihr Hotel zum Essen ein. Ein besseres Restaurant hätten sie auch in der Stadt nicht gefunden. Der Bootsmann war abgelöst worden und flog am anderen Tag zu seiner Familie nach Manila, der Chiefmate hielt sich bei Bekannten in Davao City auf. Beide mußten sich an das für sie luxuriöse Ambiente des wirklich guten Hotels erst gewöhnen.
Auf der Terrasse unter ausschließlich europäischen oder amerikanischen Gästen gab es Hummer bis zum Abwinken.

“The first time in my life I eat this food” gestand der Erste Offizier.

“How come” wunderte sich Peter, “they catch a lot of them in your islands I think.”

“Yes” sagte der Chiefmate “but it’s much too expensive for us.”

Peter wurde ein bißchen verlegen dem Mann gegenüber, den er sehr schätzte. Daheim hätte er nicht weniger für Schweinebraten mit Rotkohl bezahlt.




Bei ihrem Abschiedsbesuch in der Karaoke-Bar ging es hoch her. Die Mädchen sangen ihre Lieder für sie, man machte ein Foto zusammen und der Geschäftsführer schrieb ihnen seine Adresse auf einen Zettel. Ein Junge kam mit einem Korb voll angebrüteter Enteneier herein, man nannte sie Balut, eine philippinische Spezialität. Als Tommy das erste Ei aufschlug, war der Inhalt fast schwarz, das Kükenembryo schon gut zu erkennen. Das sei normal, erklärten die Mädchen und Tommy behauptete, es wäre eine Delikatesse. Peter verzichtete, er wollte seinen Hummer bei sich behalten.

karaokebar


Die Busfahrt zurück nach Mati war nicht weniger interessant als die Hinfahrt, nur daß sie diesmal von Regenschauern verschont blieben. Als das klapprige Gefährt die Serpentinen hinunter raste, legte Peter sein Schicksal in höhere Hände. Aber sie hatten ja Buddha dabei und vertrauten ergeben seiner irdischen Bremskraft.

Leider nahm Tommy an Bord sehr schnell seine alte Routine wieder auf und schlief den ganzen Tag. Ein über hundert Seiten langer Brief seiner Bekannten aus Ochsenzoll, den er bereits in Tacloban erhalten hatte, lag noch immer ungelesen in seiner Schublade. Während des Bunkerns in Singapur half er allerdings bei der Proviant- und Storeübernahme kräftig mit und zeigte, was er konnte, wenn er wollte.
Während der Passage des Suez Kanals schlief er in Peters Koje, weil seine Kammer für den Lotsen bereitgehalten werden mußte. Beim Passieren von Ismailia am Nachmittag weckte ihn Peter: “Schau doch wenigstens mal aus dem Bulleye, Alter. Das ist Ägypten, der Turm da drüben ist das Minarett einer Moschee.”
Tommy tat wie ihm geheißen wurde. Dann ließ er sich in die Koje zurück fallen. “So ein Ding steht an der Alster in Hamburg auch” stellte er fest.

In Italien überraschte sie der tiefste Winter. Es war bitter kalt, als sie sich in Monfalcone vom Kapitän, seiner Frau und der Besatzung verabschiedeten. Der Chiefmate sagte dabei lächelnd zu Tommy: “Good luck, amigo, be careful with motorbikes in the future.” Er hatte vom ersten Tag an gewußt, was mit dem Jungen los war und die Story von seinem Motorradunfall keine Sekunde lang geglaubt.

Peter war heilfroh, daß sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Erst im Nachhinein wurde ihm voll bewußt, wie riskant ihre Aktion tatsächlich gewesen war. Da erinnerte er sich an Sabines Worte, als Tommy bei ihrem letzten Besuch scherzhaft überlegte: “Vielleicht falle ich ja über Bord und ertrinke. Dann sind alle Probleme gelöst.”

“Dann wäre es halt ein paar Monate früher passiert” sagte sie sachlich.

Eigentlich hatten sie sich vorgenommen, Venedig einen Besuch abzustatten, es lag nur wenige Kilometer von Monfalcone entfernt. Doch der Karneval war vorbei und der Anblick von Gondeln im Schnee allein war doch ein bißchen wenig. Also steuerten sie lieber Südkurs und machten sich mit der Bahn auf einen der vielen Wege, die nach Rom führen. Auf einem Zwischenstopp in der nächsten größeren Stadt Bologna zogen sie durch ein paar hundert Meter der insgesamt 32 Kilometer langen, berühmten Arkaden der Stadt und speisten in einem sündhaft teueren Restaurant. Die Erinnerung an die raffiniert zubereiteten Gerichte lag ihnen noch lange danach zwischen Gaumen und Zunge und ließ die römische Küche verblassen. Ein Ober, der so heiß war, daß er mit den Fingern schweißen konnte, schwirrte unablässig um Tommy herum und schenkte ihm zum Abschied eine bemalte Fliese. Auf der Rückfahrt besuchten sie später noch einmal das Restaurant mit der Kacheltunte. Der himmlische Geschmack des zart gegrillten Blumenkohls wurde erst Tage danach durch das etwas herbere Aroma von Allgäuer Kässpatzen überlagert.

roemisch


Die ewige Stadt empfing sie mit Eiseskälte. Sie wickelten sich gut ein und gingen viel zu Fuß. Beim Besuch des Petersdoms ließ Peter seinen Buddha vorsichtshalber im Hotel.

stpeter


Hier wurden ohne ersichtlichen Grund gleichzeitig mehrere Messen gelesen. Die prozessionsartig hinter den Geistlichen her marschierenden Meßdiener in fortgeschrittenem Alter schauten neugierig zu den Touristen herüber, nur die ganz jungen blickten noch andächtig hinauf.
Von dem erwarteten erhabenen Schauer wurden Peter und Tommy nicht ergriffen. Lediglich vor der Pieta des Michelangelo verharrten sie eine Weile. Tommy tauchte das güldene Kreuz, das ihm Peter in Tacloban zu Weihnachten geschenkt hatte und an dem bereits ein Rubinsplitter herausgebrochen war, in das Weihwasserbecken daneben. Peter machte ein dokumentarisches Foto.

colosseum



Vor dem Kolosseum zeigte Tommy fortwährend mit dem Daumen nach unten und Peter streichelte ein Dutzend Katzen. Dann schrieben sie von einem Cafe aus eine Ansichtskarte an Oma und eine an Antonia. Peter kaufte sich zwei Nummern zu kleine italienische Schuhe made in Taiwan und stiftete sie einer Altkleidersammlung der Caritas in seinem Heimatdorf. Tommy bekam als Souvenir einen braunen Schal für umgerechnet zwölf Mark, ein Schnäppchen, das Peter dem begeisterten Verkäufer mit der Visa-Karte bezahlte.

Während der eindrucksvollen Überquerung der winterlichen Alpen über den Brenner schlief Tommy im Zug.
Nachdem sie in ihrem Dorf im Allgäu eingetroffen waren, hatten sie keinen Plan mehr.
Peters Nichte Manuela erklärte sich bereit, den Jungen für eine Weile bei sich auf der Berghütte aufzunehmen. Tommy wollte es sich überlegen .




Als Peter die Augen aufschlug, hatte der Zug schon beinahe Hamburg erreicht. Tommy kniete über ihm mit einem Messer in der Hand.

“Was hast du vor?” fragte Peter genau so ruhig wie damals auf dem Schiff, als der Junge den eisernen Stuhl geschwungen hatte.
Tommy öffnete das Fenster, warf das Messer hinaus und schaute ihm hinterher.

Sie fuhren zuerst zu Oma, Antonia war bei der Arbeit. Tommy war angetrunken wie er es bei ihrer Abreise gewesen war. Es schien, als habe sich nichts verändert.

Antonia hatte in einem Motel in der Nachbarschaft für Peter ein Zimmer reserviert, der Junge schlief bei ihr. Noch bevor sie ihr Abendessen beendet hatten, stand Tommy auf und ging zu Soraya. Peter unterhielt sich eine Stunde lang mit Antonia, dann zog er sich in das Motel zurück. Am nächsten Morgen fuhr er an Bord der “Monte Rosa”.

Der Nachmittag war trüb, als sie die Landungsbrücken passierten.
Alles in ihm war grau. Er kam sich verlassen vor, obwohl er es war, der fortging.
Sie hatten sich nicht einmal voneinander verabschiedet. Du hast getan was du konntest, sagte er sich, aber es tröstete ihn nicht.
Auf der Höhe von Las Palmas rief er bei Oma an. “Tommy ist im Allgäu” sagte die alte Dame, “vor drei Tagen ist er gefahren.”



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