»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 39

Aus der Hauptstraße bog Peter in eine Nebenstraße und dann wieder in eine Seitengasse ab, die nur noch schwach beleuchtet war. Links war eine lange Reihe von Hütten und hölzernen Ständen aufgebaut, auf der gegenüberliegenden Seite standen größere Gebäude aus Stein. Es herrschte ein geschäftiger Betrieb, wenn auch nicht das emsige, fast hektische Treiben der großen Straßen.
Langsam schlenderte er die lange Gasse hinunter, die Menschen sahen ihn neugierig aber nicht unfreundlich an. Wieder wurde er mit “Hey Joe” begrüßt, und “what’s your name?” lachten die Kinder, die ihn jedoch nicht bedrängten oder anbettelten. Vor einem zur Straße hin offenen Lokal saß an einem langen Tisch und auf den steinernen Stufen eine fröhliche Runde junger Leute, die ihn im Vorbeigehen anlachten und einluden: “come here”, “sit down” und “why don’t you join us?” schallte es ihm entgegen.
Peter lächelte, hob grüßend die Hand und meinte “thanks very much, maybe later.” Das junge Volk winkte ihm hinterher. Hundert Meter weiter war die Sackgasse zu Ende. Er aß an einem der Stände einen Hühnerspieß und spazierte langsam zurück. Als er wieder bei der fröhlichen Runde angelangt war, stand einer der jungen Männer auf und sprach ihn an:

“May I invite you to join our party” sagte er freundlich, “it’s my birthday today.”

“Oh, you have birthday” sagte Peter spontan, “my congratulations. Very happy birthday to you.” Er reichte ihm die Hand.

“Sit down please” , das Geburtstagskind strahlte, “and have a bottle of beer with us.”

Peter wurde herzlich begrüßt, als er Platz nahm. Er mußte alle Hände schütteln. Die Party bestand aus zwei Mädchen und sieben oder acht jungen Männern. Alle zusammen waren im Restaurant eines großen Kaufhauses beschäftigt. Der Jubilar war Koch, die männlichen Gäste Kellner und die beiden Mädchen Verkäuferinnen. Später kam noch der Küchenchef für eine halbe Stunde dazu.
Die Neugier der jungen Leute war echt, ihre Herzlichkeit ehrlich. Peter fühlte sich unter Freunden. Man stellte ihm sofort ein Bier hin und begann, ihn auszufragen.

“We thought you had lost your way. How come you walk around alone in this area?” fragte der Koch.

“No” lachte Peter, “I didn’t loose my way. I just don’t want to be in places where all the tourists are”.

“There are not many tourists in our quarter” grinste ein anderer, “That’s why we were so surprised to see you here.”

“I’m not a tourist.” Peter erzählte, wer er war und wo er herkam. Ein deutscher Seemann , nun war er erst recht in die Runde aufgenommen.
Er verbrachte mehrere Stunden in angenehmster Gesellschaft. Einer hatte seine Gitarre dabei, sie sangen Lieder in ihrer Sprache, eines der Mädchen hatte eine sehr schöne Stimme. Sie schmuste mit einem der jungen Kellner, die beiden waren ein hübsches Paar. Sie waren auch die ersten, die sich verabschiedeten. Beide umarmten Peter, als sie gingen.

“Was very nice to meet you” meinte sie und “good bye friend” sagte er, “the Lord may shower his grace upon you.”
So geschwollen drückten sie sich manchmal aus und es war nicht einmal kitschig, denn sie meinten es ehrlich.

Die ausgelassene Stimmung änderte sich schlagartig, als ein weiterer Gast hinzukam. Es war ein Filipino mit stark chinesischem Einschlag, etwa Mitte der Zwanzig. Auch er benahm sich sehr freundlich, doch Peter spürte sofort, daß irgend etwas nicht mehr stimmte. Als erstes verschwand das Mädchen, dann zog sich einer nach dem anderen von Peters neuen Freunden zurück. Der Koch neben ihm war schon ziemlich betrunken. “I don’t like this man” sagte er lediglich einmal leise.
Der späte Gast setzte sich Peter gegenüber und begann eine Unterhaltung.

“Are you looking for a girl?” wollte er wissen, doch Peter lehnte ab. Die Augen des Mannes gefielen ihm nicht, er meinte so etwas wie Verschlagenheit in seinem Blick zu erkennen. Der Störenfried sprach mit einem der Übriggebliebenen in Tagalog, es klang wie ein Befehl. Der Junge folgte widerstrebend, eher aus Angst als aus Respekt und setzte sich neben Peter auf die Bank. Auf Peters anderer Seite saß noch immer der betrunkene Koch.
Peter fühlte sich unbehaglich. Es drängte ihn weg von diesem Ort. Der Junge, der als letzter auf der Steinstufe saß, wollte ihm mit seinen Augen etwas sagen, Peter verstand seine Warnung.

“I’ll bring you to a place where you’ll find everything you want. Just wait till I’m back” sagte der Halbchinese.

“O.K.” antwortete Peter und wartete, bis der Typ in der Dunkelheit verschwunden war. Dann stand er auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und nickte dem Jungen auf der Stufe zu. Mit großen Schritten ging er die Gasse hinauf. Der Junge, der neben ihm gesessen hatte, wollte ihn zurückhalten. Peter schüttelte ihn ab, an der Ecke begann er zu rennen.
Das nächste Tricycle, das ihm entgegenkam, hielt er an. “Marina Azul” sagte Peter außer Atem, doch der Fahrer schüttelte den Kopf.
“O.K. Electric Dreams please.” Der Fahrer nickte. Es war der Name einer großen Disco in der St. Pedro Street, den Peter auf einer blauen Leuchtreklame gelesen hatte. Er schaute zurück, soweit er erkennen konnte, folgte ihnen niemand. Trotzdem stieg er vor der Disco sofort in eines der dort wartenden Taxis um.
“Marina Azul” sagte er zum Fahrer und fühlte sich ziemlich erleichtert.

“Your son is already back” sagte der Angestellte an der Rezeption, als Peter den Schlüssel verlangte.

“Alone?” fragte er.

“No” sagte der Rezeptionist und lächelte, “he came together with a lady.”

“Well, ist the bar still open?”

“No longer. But the coffee shop has a twentyfour hours service.”

Peter beruhigte sich endgültig mit Kaffee und Cognac, dann legte er sich in einen Liegestuhl unter den Palmen und schlief ein.



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