»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 37

Am Morgen des Heiligen Abend nahm der Kapitän Peter beiseite. “Wir haben für heute abend eine kleine Weihnachtsfeier vorbereitet” teilte er ihm mit. “Selbstverständlich seid ihr beide dazu auch eingeladen. Es gibt nur ein Problem mit Tommys Freundin, ich möchte nicht, daß sie dabei ist. Sie ist eine Prostituierte. Einige der Filipinos bekommen Besuch ihrer Frauen und Kinder, außerdem kennst du ja Momoko. Wenn die offizielle Feier vorbei ist, kann Butch natürlich kommen, die Party dauert ja länger. Mit der Freundin des Zweiten Offiziers machen wir es genau so.”

“Kein Problem” versicherte Peter. “Aber sei nicht sauer, wenn wir bei der offiziellen Feier nicht dabei sind. Ich glaube nicht, daß Tommy das alleine möchte.”

“Aber du kommst doch?”

“Ich mache mir nichts aus Weihnachten. Ich werde wohl spazieren gehen.”

“Wie du willst” , Rainer war ein bißchen eingeschnappt, doch Peter konnte nicht über seinen Schatten springen.

Drei Tage vor Auslaufen wollte Peter mit seinem Sohn telefonieren. “Ich komme mit” sagte Tommy sofort, denn er wußte, worum es ging. Cornelia, seine Schwiegertochter, sollte nach der Prognose der Ärzte eigentlich schon niedergekommen sein.
Peter hatte noch nicht den Mut, mit seinem älteren Sohn direkt zu sprechen, er rief Hardy in München an. Innerlich war er schon auf alles gefaßt, die Telegramme für die Kameraden an Bord, die er in mehr als dreißig Jahren aufgenommen hatte, waren nicht immer gute Nachrichten gewesen. Diesmal betraf es ihn selbst.
Hardy war in seiner Firma sofort am Apparat. Er wollte wissen, wo sie sich befanden und wie es um Tommy bestellt war. Zur Sache kam er von sich aus nicht, Peter mußte die entscheidende Frage stellen:

“Hat Cornelia schon entbunden?”

“Ja weißt du das denn nicht? Die wollten dir doch ein Telegramm schicken” fragte sein Sohn verwundert.

“Hier ist nichts angekommen. Sag schon, was ist?”

“Du bist wieder einmal Opa geworden. Es ist ein Junge, er heißt Christian. Alles wohlauf, ein ziemlicher Brocken.”

“Was ist mit der Niere?”

“Ja, eine Niere funktioniert nicht, wie die Ärzte vorausgesagt haben. Sie wollen operieren, wenn er ein Jahr alt ist. Die andere arbeitet normal, er kann so gut leben. Irgendwas ist mit einem Auge, aber das weiß man noch nicht so genau.”

Von Peters Herzen löste sich eine tonnenschwere Last, ein erlösender Sturzbach rauschte in ihm hinunter. “Ich melde mich wieder, grüß alle”, mehr brachte er nicht heraus. Er legte den Hörer auf die Gabel und suchte Tommy, der im Vorraum auf ihn wartete. Er konnte nicht sprechen aber der Junge sah, daß es gut war. Zum ersten Mal seit langer Zeit nahmen sie sich wieder in die Arme.

“Es ist ein Junge, er heißt Christian” bekam er dann doch über die Lippen.

“Das wußten wir doch.”

“Die Ärzte haben sich geirrt, eine Niere ist in Ordnung. Er kann ein normales Leben führen.”

“Ich habe mit deinem Buddha gesprochen bevor wir losgezogen sind” gestand Tommy.

“Ich auch” sagte Peter, “ich auch.”

Dann trennten sie sich wieder, Tommy war mit Butch verabredet. Peter ging an Bord zurück, abends entlud sich die aufgestaute Spannung an Bimbos Property. Kurz nach Tagesanbruch brachten ihn zwei Polizisten in ihrem offenen Jeep zur Gangway, sie hatten ihn auf einer Parkwiese gleich neben der Hauptstraße schlafend aufgelesen.

Die Beladung des Schiffes mit Copra hatte sich verzögert, weil ein Teil der Pallets feucht angeliefert worden war. Der Kapitän ließ diese Partie wieder löschen, denn es bestand die Gefahr, daß sie sich unterwegs entzündete.
Mitte Januar des Jahres II nach der großdeutschen und ihrer bayerisch/hanseatischen Vereinigung waren Tommy und Peter wieder auf See, unterwegs zu neuen Küsten. Beide waren ein wenig traurig, Tacloban City und seine Bewohner waren ihnen doch sehr ans Herz gewachsen. Butch war bis zur letzten Minute an Bord geblieben. Eine halbe Stunde vor Auslaufen war Bimbo aufgetaucht und hatte Peter zum Abschied eine Cassette mit einem Song in Tagalog geschenkt, der um die Welt gegangen war. “Anak” – Sohn – hieß das Lied, in dem der philippinische Sänger Freddy Aguilar vom Kummer eines Vaters mit seinem Sohn erzählte und damit sein eigenes Leben beschrieb.

chriszoo


Anak (mp3 - 2,8 MB)


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