»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 36

Tommy und Butch hingen ständig zusammen und unternahmen vieles gemeinsam. Der Junge schraubte seinen Alkoholkonsum auf ein normales Maß zurück. Das aus Cebu City stammende Mädchen wirkte sehr jugendlich, war aber bereits Mutter eines Babys, das bei ihrer Familie auf der Nachbarinsel aufwuchs. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt in einer Bar unweit von Bimbos Property. Während sie mit Tommy zusammenlebte, unterbrach sie diese Tätigkeit.
Peter konnte völlig unbesorgt seine eigenen Wege gehen. An den Vormittagen unterrichtete er an Bord seinen philippinischen Kollegen, nach den Mahlzeiten am Kapitänstisch war der Mittagsschlaf heilige Pflicht; sobald sich die Säufersonne am Himmel blicken ließ und an Land die Laternen angingen, überließ er sich zwanglos dem quirligen Nachtleben der 130 000 Einwohner zählenden Hafenstadt. Unregelmäßige Visiten bei seiner lustigen Gespielin in der Hafenbar gehörten ebenso zu seinem Programm wie die täglichen Besuche von Bimbos Property.
Eines Abends tauchten dort auch die beiden Lolitas auf, mit denen sie ihre erste unbefriedigte Nacht an Bord verbracht hatten. Peter lud sie zu einer Cola ein und schenkte ihnen ein paar Scheinchen. Tommys damalige Freundin wußte bereits, daß er seine Zeit mit Butch verbrachte, in dieser Stadt blieb nichts verborgen. Sie war ein wenig traurig, akzeptierte es aber ohne lästiges Getue. Nachdem die Mädchen gegangen waren, meinte Bimbo:

“Those girls work in a very dangerous place.” Auf Peters fragenden Blick hin berichtete er, daß in der Bar, in der sie die Mädchen kennengelernt hatten, regelmäßig viele Soldaten verkehrten. Die Tänzerinnen des Lokals seien alle sehr jung. Zwei Wochen bevor ihr Dampfer angekommen war, habe es in dem Laden wieder einmal Ärger unter den Besuchern gegeben. Einer der Soldaten hätte daraufhin zwei Handgranaten durch das Fenster geworfen und ein fürchterliches Blutbad angerichtet. Peter mied in der Folgezeit diesen Ort.

Bald wurde er von Bimbo in dessen Haus an der San Pedro Bay eingeladen. Die Familie war überrascht, als er dieser Einladung ganz alleine folgte, anscheinend war es bei den Filipinos üblich, daß man immer und überall hin ein paar Freunde mitbrachte, auch wenn es sich dabei um wildfremde Menschen handelte. Gleichwohl wurde es ein vergnügter Nachmittag im Kreise dieser sympathischen Familie und ihrer Nachbarn.

An einem Sonntag überredete Bimbo seinen neuen Freund, ihn zum Hahnenkampf zu begleiten. Eigentlich mochte Peter derartige Veranstaltungen nicht, wenn er auch zugeben mußte, daß er als Besucher der Corrida in Valencia beim ersten Stierkampf seines Lebens von der Begeisterung der Massen mitgerissen worden war.
Zu Federvieh hatte er eine relativ unpersönliche Beziehung, allzu schlimm konnte es also nicht werden. Er wußte, daß bei diesem blutrünstigen Schauspiel, das Bestandteil der philippinischen Kultur war und alle Klassenschranken seines fanatischen Publikums durchbrach, gewettet wurde. Er steckte 3000 Peso ein, mit dem Jeepney fuhren sie nachmittags zur Galleria, die etwas außerhalb der Stadt lag. Neben ihnen saß ein junger Filipino mit einem Prachtexemplar von Hahn unter dem Arm. Völlig zahm saß das schwarzrot gefiederte Tier halb auf seinem Schoß. Als sein Besitzer ihm leicht in die Nackenfedern blies, begann es wie auf Kommando zu krähen.
Sie kamen zu einer überdachten Arena, Bimbo führte ihn zu einer der Holzbänke auf halber Höhe. Die Kämpfe waren bereits im Gange, einige Hundert Zuschauer verteilten sich auf die Ränge. Peter konnte im Publikum nur eine einzige Frau erkennen, die allerdings sehr hohe Wetteinsätze signalisierte. Zwei Finger nach oben bedeuteten 20 Peso, zur Seite hin wurden die Hunderter- und nach unten die Tausender-Einsätze angezeigt. Keiner der Buchmacher notierte sich die gesetzten Beträge, trotzdem kam es nie zu Unstimmigkeiten.
Peter setzte jeweils 200 Peso auf den Gegner von Bimbos Favoriten, Soweit er es mitbekam, lagen dessen Einsätze teilweise erheblich höher. Nur einmal setzten beide auf denselben Vogel – es war der schwarzrote aus dem Jeepney – und gewannen.
“Now he will take a taxi on his way back” vermutete Bimbo.

Die Kämpfe dauerten unterschiedlich lange, der kürzeste war nach wenigen Sekunden, der längste nach 6 bis 8 Minuten blutig beendet.
Hingehockt hielten die Besitzer ihre Hähne an den Schwanzfedern fest, auf ein Kommando brachten sie die Vögel soweit zueinander, daß diese flüchtig aufeinander einhacken konnten. “Schnäbeln” nannte sich dieser Vorgang. Danach zog man sich auf die Startpositionen zurück, auf das Kommando “Pit” ließen sie ihre Tiere los, die sofort pfeilschnell aufeinander zuschossen. Dann flatterten sie voreinander in die Höhe, manche eineinhalb Meter hoch, und hackten mit ihren Sporen Finten schlagend aufeinander ein. Dabei verdrehten sie ihre Hälse schlangengleich, während sie sich belauerten und beim Gegner eine Blöße suchten. Alles ging blitzschnell, bei den ersten Kämpfen konnte Peter gar nicht erkennen, wie die tödlichen Stahlsporen ihr Ziel trafen. Das Anlegen der Sporen war eine besondere Kunst, wie Bimbo ihm erklärte. Saßen sie zu locker, lösten sie sich während des Kampfes. Waren sie zu fest angebracht, wurde das Bein des Hahnes steif. In beiden Fällen hatte er schlechtere Chancen oder war sogar verloren.
Nach einem Dutzend Kämpfen besaß Peter 4000 Peso, Bimbo war pleite. “Please do not tell my wife what we did today” beschwor er Peter.
“Of course not” versprach dieser und übergab ihm die gesamte Barschaft bis auf den Betrag für die Rückfahrt. Nach zwei weiteren Kämpfen waren beide pleite. Unterwegs zum Taxistand sahen sie den jungen Filipino mit seinem schwarzroten Sieger denselben Weg gehen. Es war schwer auszumachen, welcher der beiden Gockel den größeren Stolz nach Hause trug.

“May I invite you to my property?” fragte Bimbo und gab an seinem Stand ein paar Biere aus. Seine Frau sah ihn zwar forschend an, sagte aber nichts.
“She will not ask you any questions” hatte Bimbo zuvor angekündigt, “because I made a promise to her.” Trotz des für seine Verhältnisse hohen Verlustes war Bimbo mit dem Tag zufrieden, er weinte dem Geld nicht hinterher. Überall waren sie respektvoll gegrüßt worden, nicht wenige hatten seinen Rat gesucht.

Merkwürdigerweise verkehrten die anderen Besatzungsmitglieder kaum an Bimbos Property. Als Tommy und Peter eines späten Abends dort wieder einmal dem Heiligen Michael zusprachen, saß am Nachbarstand eine recht attraktive Filipina Ende der Zwanzig und blickte unverwandt zu ihnen herüber. Sie waren die neugierige Art der Inselbewohner inzwischen gewohnt und störten sich nicht daran. Nach einer Weile unterhielt sich die Dame mit Bimbo, der Peter anschließend eröffnete, daß die Dame sich gerne zu ihnen setzen würde.
Natürlich waren sie einverstanden, “sure” sagte Peter, “with pleasure.”
“My name is Beth” stellte sie sich vor und orderte eine Runde für alle Anwesenden. Sie war die Gemahlin des Standortkommandeurs der Garnison Tacloban City. Ihr Mann, ein älterer Offizier, kam nach Bimbos Worten hinten nicht mehr so recht hoch. Er tolerierte, daß seine Frau deshalb von Zeit zu Zeit anderswo suchte und fand, was sie bei ihm vermißte. Peter vermutete, daß sie es auf Tommy abgesehen hatte und fragte spaßeshalber:

“How much are you going to pay for him?”

“Oh no” mißverstand sie ihn, “I do not take any money. Besides that I am not interested in your son.”

Sie waren beide überrascht, Peters Selbstbewußtsein machte einen gewaltigen Satz nach oben. Rein äußerlich entsprach sie nicht seiner Idealvorstellung, doch sie war eine moderne Frau von Format, gewissermaßen Bimbos weibliches Gegenstück in der matriarchalischen philippinischen Gesellschaft. Wie er war sie überall bekannt, wie er wurde sie von allen respektiert. Zwei private Tricycles mit Fahrer standen ständig zu ihrer Verfügung, man munkelte, daß ihre Hände in mancherlei Geschäften steckten, auch in solchen etwas außerhalb der Legalität.

beth


Im Laufe des Abends stieß auch Butch zu ihnen, die Frauen waren sogar weitläufig miteinander verwandt. Sie unterhielten sich prächtig an Bimbos Property, beim anschließenden Bummel durch Bars und Kneipen ging Beth wie selbstverständlich auf die Bühne und sang mit schöner Stimme englische und einheimische Lieder für ein begeistertes Publikum.
Man einigte sich darauf, den Abend zu viert im McArthur Park Hotel zu beenden. Sie bekamen dasselbe Zimmer, das sie während der Operation Red Beach bewohnten. Nach einer Dusch-Orgie sanken sie auf das Lager, Peter ging sofort zum Angriff über. Kurz vor dem Ziel wurde die Invasion seiner Finger jäh gestoppt. Beth rollte ihn herunter und fragte: “What do you think would Antonia say if she could see us here?”
Es ist also doch Tommy, dachte Peter. Neidlos gab er sich geschlagen, sprang in seine Wäsche und trat den Rückzug an.
“I shall come back” sagte er wie seinerzeit der amerikanische General, als die Japanern ihn von den Inseln vertrieben.
Es war eine wunderschöne blaue Tropennacht. Auf einer unter den Palmen aufgestellten Liege begab er sich in Morpheus‘ Arme und hoffte, daß ihn nicht auch noch eine herabfallende Kokosnuß unsanft im Schlaf beglücken würde.

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Kurz vor Tagesanbruch weckten ihn dann doch seine Gefährten. Beth lud sie in ein benachbartes Fischerdorf zum Frühstück ein. Leider hatte sie einen ihrer Fahrer bei Ankunft im Hotel bereits nach Hause entlassen, Peter blieb nichts anderes übrig, als quer in dem Korb Platz zu nehmen, der am Fond des Tricycles normalerweise zur Aufnahme des Gepäcks vorgesehen war. Arme und Beine baumelten während der holprigen Fahrt herunter, die Bewohner der Dörfer, durch die das überladene Gefährt mühsam tuckerte, winkten der lustigen Fuhre fröhlich zu.
Das Paradies, in das sie schließlich einzogen, nannte sich Bay Bay wie die gleichnamige Hafenstadt auf der anderen Seite der Insel. Die Morgensonne stand noch tief, das dörfliche Leben war gerade erst erwacht. Sie hielten vor einer großen, mit Palmenblättern gedeckten und an den Seiten offenen Hütte, aus der verlockende Düfte drangen.
Tommy und Butch gingen zum Strand hinunter und erfrischten sich im Meer, ohne die Kleidung abzulegen. Beth führte Peter in das Restaurant, in dem trotz der frühen Stunde schon alle Tische mit einheimischen Gästen besetzt waren. Auch hier kannte man sie gut, die Besitzerin des Lokals war ihre Tante. Mit großer Selbstverständlichkeit ging sie direkt in die Küche am Ende der Hütte und stellte aus einem Dutzend dampfender Töpfe ein ungewöhnliches Frühstück aus Fischsuppe, Meeresfrüchten verschiedenster Art, gekochtem wie gebratenem Fisch und tropischen Früchten zusammen.
Die Gäste rückten zusammen. Während sie auf die Speisen warteten, sahen sie zum Strand hinunter. Im Gegenlicht des silbernen Meeres standen die Silhouetten von Tommy und Butch mit nassen Haaren einander zugewandt. Wie der Scherenschnitt einer Sekunde des Glücks grub sich dieses Bild für alle Zeiten tief in Peter hinein. Beth mußte es gespürt haben. Als sie ihn fragte, erzählte er ihr alles. Ihre Züge wurden ernst und sehr nachdenklich.

bethopa



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