»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 35

An diesem Abend machten sie noch eine weitere wichtige Bekanntschaft. Während sie gemütlich ihr San Miguel die Kehlen hinunter rinnen ließen und fast nie pinkeln mußten, weil man das Bier rasch wieder herausschwitzte, hörten sie hinter sich eine rauchige weibliche Stimme: “Hey Joe”. Sie saßen mit dem Rücken zur Straße und drehten sich um.
Hinter ihnen gingen zwei Mädchen vorbei, die sie freundlich anlachten. Eine der beiden war ausgesprochen hübsch, doch weder zu ihr noch zu ihrer Freundin paßte diese dunkle, heisere Stimme. Als sie an der Straßenecke stehenblieben und noch immer zu ihnen herüberblickten, stand Tommy auf und machte einen Anlauf.

“Das war Butch” verkündete er, als er wieder Platz nahm.

“Die mit der Reibeisenstimme?” fragte Peter.

“Ja, die” sagte Tommy, “sie arbeitet in einer Bar ein Stück weiter unten. Vielleicht gehe ich nachher noch hin.”

“Gute Idee” meinte Peter, “ich werde heute sowieso nicht alt hier.” Die Operation Red Beach steckte ihm noch in den Knochen. So kam es dann auch. Er verdrückte an einem Grillstand einen Hühnerspieß, noch vor Mitternacht lag er an Bord in seiner Koje.
Zum Frühstück war Tommy nicht zurück. Als Peter sich später mit dem Ersten Offizier unterhielt, hörte er, daß Tommy mit dem DJ aus der Stamm-Disco der "Anja Leonhardt” nach Hause gefahren war. Der DJ war ein netter Kerl und die Haus-Schwuchtel des Ladens.

Peter grinste hämisch, als der Junge in der Mittagszeit an Bord kam. “Na, wie war’s bei Butch?”

“Hör bloß auf” sagte Tommy, “ich war wo anders.”

“Ich weiß” Peter grinste noch immer, “der Chiefmate hat’s mir erzählt. Hat dich der Typ angemacht?”

“Weiß der Erste das auch schon, Scheiße. Er hat es versucht. Ich mußte mit einem Handtuch als Wickelrock pennen."

“Lava Lava nennt man das in der Südsee. Das Mädchen hast du gar nicht mehr gesehen?”

“Da geh ich heute hin” nahm sich Tommy vor, doch es kam anders. Schon am Nachmittag tauchte die die Schwuchtel an Bord auf und wollte Tommy besuchen. Das war dem Jungen dann doch recht peinlich. Er sagte dem Lady Boy, daß sein Daddy ein komischer Typ sei und das nicht wolle. Peter hatte fortan in Tacloban einen Freund weniger und Tommy ging abends mit dem Deckfitter an Land, wo sie einen flotten Vierer veranstalteten. Wahrscheinlich wollte er seinen Kameraden etwas beweisen.

Peter wunderte sich, daß an diesem Abend an Bimbos Property so wenig los war. Als er sich auf seinen Stammplatz setzte, saßen ihm gegenüber nur drei Gäste. Der Typ in der Mitte war ihm sofort unsympathisch, die beiden an seiner Seite sahen aus wie Brüder und waren ungewöhnlich dick für Filipinos, fast schon kleine Sumo Ringer. Der Unsympath war nicht mehr nüchtern und machte Peter auch bald an. Er pöbelte über den vermeintlichen Ami-Touristen, der mit seinem Geld um sich warf und philippinische Mädchen schwängerte.

“I’m not a tourist” sagte Peter, “and I’m not american. I am a german sailor.”

Der Pöbelfritze tat, als ob er es nicht hörte. “Better you leave this place before I get angry” wurde er deutlich.
Bimbo war an diesem Tag alleine und sowieso sauer, weil der betrunkene Typ die anderen Gäste verscheuchte. Plötzlich stellte er sich vor den Kerl hin, packte ihn mit beiden Händen und hob ihn zwischen den dicken Brüdern heraus in die Luft. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

“This is my friend” sagte er ruhig, aber laut und sehr bestimmt. “You don’t talk to him in this way. I’m not afraid of you. I know, your guards have a gun. But I have also a gun. I have a bigger gun than they have.” Dann ließ er ihn los, krachend fiel der Typ auf die Bank zurück. Bimbo fixierte die beiden Dicken, zu Peters Überraschung geschah nichts. Trotzdem war er froh, als hinter ihm ein Jeep hielt. Die beiden Polizisten vom ersten Abend waren heute im Dienst und trugen Uniform. Sie begrüßten Peter wie einen alten Bekannten und tranken eine Cola auf seine Rechnung. Man feixte ein wenig herum, dann machte sich Peter auf den Weg.

“You are welcome to my property at any time you want” sagte Bimbo.

Peter spazierte durch die Stadt, hielt sich hier und da an einem der vielen Stände auf, in einer kleinen Bar am Hafen wurde er schließlich fündig. Nach einer halben Stunde mit einer lustigen Gespielin auf einem Zimmer ein Stockwerk darüber beendete er den Abend zufrieden in der Cantina innerhalb des Hafengeländes mit den Arbeitern, die ihr Schiff beluden.

Bei seinem Morgengespräch mit dem Ersten Offizier vermutete dieser, daß es sich bei dem Typen mit den Bodyguards um einen Angehörigen der Secret Police gehandelt haben könnte. Bimbo bestätigte das später. Der Chiefmate erzählte Peter auch, warum Bimbo in Tacloban so bekannt war und weshalb ihn jeder respektierte.
Peters neuer Freund hatte bis vor ein paar Jahren die Hahnenkämpfe in der “Galleria” Taclobans geleitet. Eines Tages hatte er, da er selber wettete, sehr viel Geld verloren. Nun war sein Bruder der Manager der Galleria.
Vor ein paar Monaten hatten zwei auswärtige Filipinos seine Frau und seine Tochter an ihrem Stand massiv belästigt. Als Bimbo davon hörte, holte er seine Pistole und erschoß die beiden in einer benachbarten Bar.

“Why is he not in jail?” wollte Peter wissen.

“No witness, no proof” zuckte der Chiefmate nur mit den Schultern, “but everybody knows it.”
Nun verstand Peter, warum Bimbo in der ganzen Stadt ein solches Ansehen genoß.

In dieser Nacht brachte Tommy Butch mit an Bord. Nach einer kurzen Party bei Peter zogen sie sich in die Lotsenkammer zurück, wo das Mädchen wohnen blieb, bis das Schiff Wochen später den Hafen verließ.

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Für Peter begann eine unbeschwerte Zeit, der Junge war bei Butch in besten Händen. Wenn sie mit ihrer heiseren Stimme “Daddy” zu ihm sagte, schmolz Peter dahin. Er hatte sich immer schon eine Tochter gewünscht.

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