»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 34

Er war noch nicht eingeschlafen, als Tommy vor seiner Koje stand. Er wirkte fast wieder nüchtern und war völlig verzweifelt.

“Ich kann mit ihr nichts machen, sie ist ein Kind” sagte er hilflos. Dann fiel es ihm auf: “Wo ist deine?”

“Ich habe sie nach Hause geschickt, sie ist viel zu jung” meinte Peter. “In der Bar sah das ganz anders aus, wieso haben wir das nicht gemerkt?”

“Es geht nicht” sagte Tommy, “du mußt ihre Ärmchen sehen. Sie hat überhaupt keine Brust.” Er schüttelte den Kopf.

“Gib ihr Kohle und schick sie heim.”

“Hab ich versucht, sie will nicht. Sie hat mich tierisch aufgegeilt, ich habe schon ganz dicke Eier. Es zieht bis in den Bauch herauf.”

“Komm her” sagte Peter, “ich entspann dich.”
Tommy schloß die Augen. Es war eine rein medizinische Maßnahme von zwei Minuten Dauer. Dann zog er ein Bier aus der Kiste und ging zurück auf seine Kammer.

Am nächsten Mittag brachten sie das Mädchen zusammen von Bord. Sie schämten sich ein wenig, obwohl es keinen Grund dafür gab und benutzten einen Nebenausgang aus dem Hafengelände. SUDU 12933 stand auf ihrem T-Shirt, das sie Peter abgeschnackt hatte. Es war seine Personalnummer bei der Hamburg Süd, aber es bestand nicht die Gefahr von Mißverständnissen, kein Süd-Dampfer verirrte sich in diese Gegend.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen trennten sie sich von dem Mädchen. Tommy brauchte Jeans und T-Shirts, Textilien waren billig, nur mit der passenden Größe haperte es zumeist. Schließlich fanden sie in einem Kaufhaus eine kleine Auswahl., billige Schneider wie in Thailand oder Malaysia gab es leider hier nicht.
Überall wurden sie neugierig bestaunt und angesprochen. “Hey Joe” sagten die Jungs und ”What’s your name?” riefen ihnen die Schulmädchen zu. Wenn sie dann tatsächlich ihre Namen nannten, hörte das Gekicher gar nicht mehr auf. Tagsüber herrschte in den Straßen eine brütende Hitze, nachdem sie ihre Besorgungen erledigt hatten, kehrten sie deshalb zur Siesta auf ihren airconditionierten Dampfer zurück.
Ein philippinischer Funker war eingetroffen, Peter sollte ihn auf die Prüfung zum deutschen Funkpatent vorbereiten. Ein paar Tage später kam ein weiterer Filipino-Funker an Bord, der Peter in Italien ablösen sollte. Sie einigten sich darauf, daß Peter vormittags den erfahrenen Kollegen trainierte, dieser wiederum sollte nachmittags seinen noch unbefahrenen Landsmann einweisen. Peter hatte so jeden Nachmittag frei, Tommy brauchte im Hafen nicht zu arbeiten, er erhielt auch keine Heuer. Peter wurde nach Filipino-Tarif bezahlt, die 1100 Dollar pro Monat reichten nicht ganz für ihren derzeitigen Lebensstil. Wo immer es möglich war, erfüllte deshalb die Visa Karte ihren Zweck.

Peter unterhielt sich an Bord mit dem Chiefmate über ihre ersten Erlebnisse an Land, zu seiner Verwunderung wußte dieser schon alles. Es gab ein rätselhaftes Kommunikationssystem auf diesem Schiff, das sehr zuverlässig arbeitete. Was auch immer ihnen oder den übrigen Besatzungsmitgliedern an Land passierte, der Erste Offizier wußte es am anderen Morgen. Nun empfahl er Peter eine Fahrt zur Red Beach, dem Strandabschnitt, an dem General McArthur im Oktober 1944 mit seinen Invasionstruppen von Australien aus gelandet war.

Der Chief lieh Peter seine Videokamera, die leider in entscheidenden Augenblicken nie funktionierte, mit dem Taxi fuhren sie noch bei Tageslicht an die Beach. Nach 12 Kilometern kamen sie ans Meer. Das McArthur Park Hotel war eine moderne Anlage unter Palmen, direkt am Strand. Lediglich ein halbes Dutzend jüngerer Skandinavier hielten sich mit ihren philippinischen Begleiterinnen dort auf, auch abends kamen nicht mehr Gäste. Es gefiel ihnen so gut, daß sie beschlossen, hier zu übernachten.
Nach einem üppigen Dinner auf der Hotelterrasse ließen sie ihr einziges Gepäckstück, die Videokamera und ihre Kleidung bis auf die Jeans im Zimmer und gingen mit einer Flasche Cognac bewaffnet die paar Meter zum Strand hinunter. Der Himmel war bedeckt, unter den Palmen herrschte völlige Dunkelheit. Wenn man hinausschwamm, verschwand der helle Fleck des Kopfes schon nach der ersten Welle. Weiter reichte der schwache Widerschein der Beleuchtung auf der Hotelterrasse nicht.

“Ich habe noch nie in einem so warmen Meer gebadet” sagte Tommy, als er das erste mal wieder herauskam.

Sie gingen abwechselnd ins Wasser, rauchten in den Pausen dazwischen und sprachen fleißig dem Cognac zu. Da weit und breit kein Mensch zu sehen oder zu hören war, lagen sie nackt im Sand am Fuß einer Palme, deren Krone an einem schrägen Stamm bis an das Wasser hinaus reichte.
Einmal blieb Tommy so lange draußen, daß Peter unruhig wurde. Er wußte gar nicht, ob es in diesen Gewässern Haie oder Barracudas gab. Nach sehr langer Zeit kam der Junge dann den Strand entlang zurückspaziert.
Bald schon brauchten sie eine neue Flasche. Peter streifte sich den Sand vom Hintern, schlüpfte in die Jeans und besorgte Nachschub.
Dann erzählte er Tommy, was er über den historischen Grund wußte, auf dem sie lagen. Von den steinzeitlichen Höhlenbewohnern, die aus den Dschungeln Malaysias und Borneos herüber kamen, um hierzu siedeln, über Magellan und die mehr als dreihundert Jahre währende spanische Kolonisation bis zu den blutigen Schlachten, die im zweiten Weltkrieg in diesem Paradies zwischen Japanern und Amerikanern stattfanden.

Peter hatte wahrscheinlich ein bißchen zuviel vom Krieg erzählt, denn irgendwann gerieten sie sich in die Haare, vermutlich aus nichtigem Grund, wie es bei ihnen immer der Fall war. Er konnte sich später nur noch daran erinnern, daß er gerade mit der dritten Flasche Cognac zurückgekommen war, als Tommy zuschlug. Es war ein kurzer, trockener Haken genau auf den Punkt. Peter verspürte nicht den geringsten Schmerz, als er mit der Schnauze im Dreck lag, er war nur unglaublich überrascht. Tommy dagegen hatte so hart zugeschlagen, daß ihn noch drei Tage danach die rechte Hand schmerzte.

“Tut mir leid” wird er gesagt haben, als Peter sich im Sand eine Weile nicht rührte.

“Schon O.K.” wird Peter geantwortet haben, “das mußte mal sein.”

Dann werden sie Versöhnung gefeiert haben, nackt am Strand von Red Beach in einer warmen Nacht ohne Mond und immer noch ohne Frauen. Jedenfalls war die Buddel leer, als die Sonne aufging.
Es war kein gutes Erwachen, denn mit brummendem Schädel stellten sie fest, daß ein Teil ihrer Klamotten verschwunden war. Alles was sie fanden, waren Peters Jeans und Tommys zerfetzte Unterhose.

“Ich hol ein Handtuch” sagte Peter, und noch bevor das Hotel erwachte, schlichen sie auf ihr Zimmer. Tommy rieb seine schmerzende Hand, Peter konnte vor dem Spiegel in seinem Gesicht nichts erkennen, keine Schwellung, nicht ein mal einen blauen Fleck. Es war ein sauberer Schlag gewesen.
Die Heimfahrt in der Mittagszeit wurde lustig. Die Hotelboys hatten noch einmal den Strand abgesucht, Tommys Jeans fanden sie nicht. Der kräftigste der Jungs verkaufte ihnen eine seiner Hosen, doch Tommy kam mit den Oberschenkeln nicht hinein. Da machte er mit einem Messer Bermudas daraus und schlitzte die Hosenbeine auf, das Ergebnis sah aus wie ein Minirock. Wenn er stand, war das in Ordnung, doch im vollbesetzten Jeepney hatte er große Mühe, sein Geschleuder vor den Augen der von Natur aus neugierigen Filipinos zu verbergen.
Sie benutzten den Nebeneingang zum Hafen, auf Peters Kammer konnten sie schon wieder herzlich über die Operation Red Beach lachen.

Am dritten Abend kam Tommy dann endlich zum Stich. In einer Bar unweit ihres “Bierzeltes” tanzte eines der Mädchen vollkommen betrunken oder auf andere Art breit - Shapoo nannten sie das Zeug hier - ihre Nachfolgerin hatte einen leicht indischen Einschlag und gefiel Tommy gut. In dieser Bar mußte mit dem Manager verhandelt werden, Peter erledigte das. Tommy zog sich mit der Dame in die erste Etage zurück, Peter wollte an der Bierbude auf ihn warten.

Die Filipina begrüßte ihn herzlich, zu dieser Tageszeit war noch wenig Betrieb. Früher als erwartet saß Tommy wieder neben ihm.

“Na, alles klar?” fragte Peter, “funktioniert die Anlage noch?” Tommy nickte. Er war zufrieden wenn auch nicht gerade begeistert. Aber das ging vielen Seeleuten so, wenn sie längere Zeit nichts mehr “vor die Flinte” bekommen hatten. Vielleicht hätte er auch vorher “den sauren Rahm abschlagen” sollen, wie sich der Bootsmann der Columbus Louisiana seinerzeit ausgedrückt hatte. Wie auch immer, der Anfang war gemacht, dachte Peter. Ihm geisterte ständig im Kopf herum, was ihm die Jungs vom Hamburger Hauptbahnhof mit auf den Weg gegeben hatten.
Sie saßen noch nicht lange, da gesellten sich zu der Filipina hinter den Tischen ein Mann mittleren Alters und ein junges Mädchen, sie mochte etwa vierzehn Jahre alt gewesen sein. Die drei sprachen in Tagalog, der Landessprache, miteinander. Als Peter ein neues Bier orderte, stellte es der Mann vor die beiden hin.

“Are you looking for a girl?” fragte er dabei. Peter nickte.

“You can take her” sagte er und zeigte auf das junge Mädchen.

“Oh no” lehnte Peter spontan ab, “she’s much too young”. Auch Tommy schüttelte den Kopf. Vermutlich dachte er an den ersten Abend.

Da ging ein breites Lächeln über das Gesicht des Mannes. Er gab Peter und Tommy die Hand.

“Welcome to my property” sagte er. “My name is Bimbo. This is my daughter. My wife you know already as she’s told me.”

Von nun an hatte Peters Lieblingsplatz in Tacloban City einen Namen: “Bimbos Property” nannten sie fortan ihren Treffpunkt. Wären sie auf Bimbos Angebot eingegangen, hätten sie mit Sicherheit ihr Bier künftig anderswo trinken müssen. Aber sie hatten den Test bestanden.

Man kam sich schnell näher. Bimbo war auch Seemann, er fuhr als Koch bei japanischen Reedereien zur See, von der Heuer hatte er seiner Frau diesen Stand gekauft. Er befand sich gerade im Urlaub und half mit, wenn es seine anderen Aktivitäten erlaubten. “Everybody knows me in this city” sagte er, “I’m a well respected person.” Daß diese Worte keine leere Prahlerei waren, stellte sich bald mehrfach heraus.

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