»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 33

Die Stimmung an Bord konnte besser nicht sein. Die Filipinos waren mit ihrem Schiff in einen heimatlichen Hafen eingelaufen, ein Glücksfall, der nur sehr selten eintrat. Die längste Zeit ihres ein- bis zweijährigen Aufenthalts an Bord verbrachten sie sonst Tausende von Meilen von zu Hause entfernt in einer für sie nicht immer freundlichen Umgebung. Da sie den größten Teil ihrer Heuer an die Familien daheim überweisen mußten, blieb ihnen von ihrem Verdienst viel zu wenig für einen vernünftigen Landgang in den teueren Ländern Ostasiens, Europas oder den USA. Nun war das anders, das Leben in den Philippinen war billig, viele fuhren zu ihrer Familie oder wurden von Verwandten an Bord besucht.
Das Schiff sollte in drei Häfen eine volle Ladung Copra für Italien laden, mindestens vier Wochen Liegezeit waren dafür veranschlagt.

Als Peter und Tommy am frühen Abend gutgelaunt an Land schossen, war nur noch die Wache an Bord. Auf Peters Vorschlag hin hatten sie abgewartet, bis sich die größte Hitze verzogen hatte. Die Luft war immer noch sehr warm und feucht, doch sie gewöhnten sich schnell an das Klima der tropischen Breiten.

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Gleich an der Gangway wurden sie von jungen Männern angesprochen, die ihnen “Nice Bars” und “Pretty Girls” versprachen. Peter wimmelte sie freundlich ab, er kannte diese Sitte aus Manila. Wenn man sich darauf einließ, wurde man die Typen während des gesamten Aufenthalts nicht wieder los, was sehr lästig werden konnte. Was sie suchten, würden sie auch alleine finden, Zeit genug hatten sie ja.
Das Hafentor war zwar bewacht, doch Männlein und Weiblein konnten ungehindert passieren. Ein freundlicher Gruß war den uniformierten Wächtern Legitimation genug.
Der Hafen lag unmittelbar an der kompakten Innenstadt, direkt neben dem Busbahnhof, wo eine Vielzahl nach Popart bemalter und beleuchteter Busse, Jeepneys und Tricycles umher kurvten. Unter den Palmen wechselten sich Marktstände, Garküchen, Grillstationen und Buden mit Getränkeausschank in langer Reihe ab. Das Leben pulsierte bis tief in die Nacht hinein. Die Luft war angefüllt mit geheimnisvollen exotischen Gerüchen und trug den Lärm des Verkehrs, das Lachen der Menschen und ihre Musik auf die blauschwarze Bucht hinaus, wo sich in ruhigem Wasser die große Sichel des Mondes spiegelnd wiederfand.

Peter und Tommy sahen sich an, das war ihre Welt. An einem kleinen Grillstand verspeisten sie einen Spieß mit Hühnerfleisch, im Schein der Gaslaterne glaubte Peter zu erkennen, daß der Schimmer leiser Trauer zum ersten Mal aus den Augen des Jungen verschwunden war.

Die zahlreichen Bars der Stadt waren unterschiedlich gut besucht. In vielen war es üblich, daß die Mädchen zur Musik eines Disk Jockeys im Bikini tanzten und sich dann zu den Gästen an die Tische setzten. Die Mädchen hielten sich meist in “ihrem” Lokal auf, waren dort aber nicht angestellt und brauchten nicht ausgelöst zu werden, wie Peter es von Manila her kannte. Man konnte sich mit den Mädchen unterhalten und direkt absprechen, das machte die Sache etwas ungezwungener. Es gab auch ein paar Läden, in denen der Manager vermittelte.

Sie zogen durch eine Reihe von Bars, ohne sich lange aufzuhalten. “Erst mal sehen” war ihre Devise. Außerdem war ihnen noch keiner der Kollegen von Bord begegnet, dort wo ihre ‚eigenen‘ Filipinos verkehrten, war es sicher nicht am schlechtesten.
Als sie etwas abgelegen im ersten Stock eines Gebäudes eine kleine Disco enterten, aus der gute Musik herunter dröhnte, war es dann soweit. Hier saßen sie alle, es gab ein großes Hallo. Viele hatten schon Bekanntschaften geschlossen, einige waren noch solo.
“How come, you find this place?” fragte der Matrose, der auch als Steward am Kapitänstisch fungierte.
“Instinct” sagte Peter und verschwieg, daß sie schon ein Dutzend Bars abgeklappert hatten.

Das Bier floß in Strömen, auf der Tanzfläche war Show Time. Eine Lady hatte ihre Vorstellung gerade beendet, ihre Nachfolgerin war eine exotische Schönheit. Tommy ließ seinen Blick nicht mehr von ihrem hochmütig lächelnden Gesicht und dem gertenschlanken Körper, den sie zu den Klängen “ihres” Hits unnachahmlich aufreizend bewegte. Nichts ordinäres lag in diesem Tanz, nur eine geballte Ladung knisternder Erotik. Diese Frau war ein Naturtalent oder Profi. Die Gespräche an den Tischen verstummten, alle folgten gebannt der Darbietung und klatschten begeistert, als sie endete.

Überraschend, sie hatten gerade erst zwei Biere gekippt, wollte Tommy aufbrechen. “Laß uns ein Haus weiter gehen” drängte er. Als Peter seinem Blick folgte, sah er den Grund: die Tänzerin von eben hatte am Nachbartisch Platz genommen und schmuste mit dem Zweiten Offizier. Wie es aussah, hatte sie schon vorher dort gesessen, sie waren zu spät gekommen. Beim Hinausgehen begegneten sie auf der Außentreppe dem Chief.

“Wieso geht ihr schon, nix los da oben?” fragte er verwundert.

“Doch, nur erstmal überall checken” gab Peter zurück.

Tommy war enttäuscht aber nicht übermäßig sauer. Als sie an einer der zeltüberdachten Schankbuden mit hufeisenförmig aufgestellten Tischen ein San Miguel bestellten, meinte er nur noch: “die wär’s gewesen.”
An diesen offenen kleinen Bierzelten war bis in den frühen Morgen emsiger Betrieb. Die Getränke waren billig, eine Flasche des allgegenwärtigen San Miguel kostete 15 Peso, etwa achtzig Pfennig. Einheimischer Tanduay Rum, Whisky oder Gin waren noch billiger. Whisky und Gin waren Fusel, den ausgezeichneten Rum bekam man für 30 Peso die Flasche, umgerechnet etwa 1,80 DM. Filipinos, die es sich leisten konnten, tranken Bier. In Hotelbars und Restaurants lagen die Preise allerdings höher.
An ihrem Stand arbeitete eine etwa 35jährige Filipina, die recht gutes Englisch sprach und sie mit echter Freundlichkeit bediente. Mit den Gästen kamen sie sofort ins Gespräch. Man gab ihnen Bier aus, sie revanchierten sich. Bald war auf den Holzbänken kein Platz mehr frei, denn die Filipinos waren unglaublich neugierig und daran interessiert, warum sich die vermeintlichen Ami-Touristen hier unter ihnen und nicht in klimatisierten Hotels vergnügten.
“Hey Joe” oder “Hey Man” wurden sie begrüßt, wenn sich ein neuer Gast in die frühliche Runde zwängte. Mit dieser Anrede hatten die Filipinos die amerikanischen GI’s willkommen geheißen, die sie von der japanischen Besetzung befreiten. Das erklärte ihnen jedenfalls Peters Nachbar, ein freundlicher Polizist in Zivil, der mit einem Kollegen unterwegs war.
Ihr “Biergarten” lag an der Kreuzung zweier Nebenstraßen, die Straße hinunter sah man auf beiden Seiten die Leuchtreklamen mehrerer Bars, die sie noch nicht kannten. Da sie in einer reinen Männerrunde zechten, war ihnen bald nach Luftveränderung zumute. Mit “Was nice to meet you” und “See you later, friends” verabschiedeten sie sich aus der verständnisvoll blickenden Gesellschaft, nicht ohne bei der netten Filipina noch eine Runde San Miguel für die Zurückgebliebenen zu ordern.
Fünfzig Meter die Straße hinab kamen sie zu einer Bar, deren pinkfarbene Neonreklame ausgesprochen einladend auf sie wirkte. Schon ziemlich benebelt betraten sie das Etablissement, es war der übliche Schuppen mit Tanzfläche und im Halbkreis davor aufgestellten Tischen, von denen etwa die Hälfte besetzt war. Sie wagten sich an einen Tisch in der Mitte direkt vor der Tanzfläche. Auch hier mischten sich die Tänzerinnen unter die Gäste. Am Nebentisch saß ein recht hübsches Mädchen bei einem älteren Filipino, sie suchte sofort intensiv Augenkontakt mit Tommy. Das Mädchen auf der Bühne lächelte Peter zu, der sich sehr geehrt fühlte und zurück schmachtete. Bald tanzte sie nur noch für ihn. Das Girl vom Nebentisch zog sich um, als sie die andere Tänzerin ablöste, sprachen die beiden miteinander und sahen zu ihnen herüber.

“Was meinst du?” fragte Peter

“Nicht übel” sagte Tommy.

Das Mädchen vom Nebentisch tanzte ebenfalls nur vor ihrem Tisch, allerdings hatte sie dabei Tommy im Visier. Dann sind die Fronten ja geklärt, dachte Peter zufrieden. Peters Auserwählte redete mit dem DJ, der prompt einen Klammerblues auf die Orgel schmiß. Als die Mädchen Tommy und Peter auf die Tanzfläche zerrten, schaltete er gnädig die Beleuchtung auf “Schummer”. Freundlicherweise gesellten sich noch zwei weitere Pärchen dazu. Nach zwei Runden - Tommy tanzte offen, Peter eng - hatte der Filipino am Nachbartisch das Feld geräumt. Trotzdem wurden sie von den Mädchen die Treppe hinauf auf eine Empore geschoben, wo an den Tischen intensiv geknutscht wurde. Tommy und Peter wollten keine Ausnahme machen.

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Mit einem Taxi fuhren sie an Bord, in Peters Kammer wurde die Party fortgesetzt. Die Musik war wohl etwas zu laut, jedenfalls stand plötzlich Momoko im Neglige in der Tür.

“My husband, the captain, wants to sleep” sagte sie barsch und knallte die Tür wieder zu. Wenn Rainer vorher noch nicht wach gewesen sein sollte, jetzt war er es bestimmt. Tommy und Peter mußten laut lachen, die Mädchen waren erschrocken.

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“Who was that?” fragte die eine völlig verstört. Momoko mußte ihnen vorgekommen sein wie ein Gespenst. Ihr Gesicht war nach Geisha Art weiß geschminkt.

“The captain’s wife” sagte Peter, noch immer lachend, “her sleeping room is next door.”

Peters Begleiterin drehte die Musik leiser, das andere Mädchen zog Tommy vom Sofa hoch. “Lets go to your cabin.”

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Als die beiden gegangen waren, löschte Peter das große Licht. Im Schein der Kojenlampe begann sich das Mädchen auszuziehen und am Waschbecken zu waschen.

“How old are you?” fragte Peter.

“Eighteen” sagte sie aber sie sah eher aus wie fünfzehn. Auf jeden Fall hätte sie Peters Enkelin sein können. Er nahm sie in die Arme und küßte sie.

“You are a very nice girl and I like you very much” sagte er dann. “But I’m much too old to make love with you.”

“Are you sending me home?” fragte sie etwas traurig.

“Yes” sagte Peter, ”it’s much better, please understand.” Dann gab er ihr 300 Piso und half ihr in die Kleider. Sie sah ihn beinahe dankbar an.
An der Gangway küßten sie sich noch einmal, von der Pier aus winkte sie ihm zum Abschied zu. Mit einem guten Gefühl ging er nach oben.


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