»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 32

“Heute ist Sonntag” verkündete Tommy. “Hältst du mir eine Predigt?”

“Darf ich sie dir auch aufschreiben?” fragte Peter, “ich bin kein besonders überzeugender Schwätzer.”

“Ich bitte darum” sagte Tommy und Peter schrieb

Das Gleichnis vom rechten Weg


“Laß es mich so sagen:
Du wirst in einem Tal geboren zwischen zwei hohen Bergen. Hinter dem Südberg leuchtet das warme, helle Licht, nach dem wir alle streben.
Aus der Dämmerung des Tales kannst du das Licht nicht sehen, du siehst nur seinen Schein. Hinter dem Nordberg liegt das eisige Schattenmeer der ewigen Finsternis.

Das Leben ist ein Weg. Als Kind zeigt man dir, welchen Weg du gehen sollst. Man kann dir zwei falsche und einen richtigen Weg weisen.
Der falsche Weg, der leichteste, führt dich einfach die Straße im Tal entlang, nach Osten oder Westen. Diesen Weg sollst du nicht gehen, denn die Bergzüge sind unendlich lang. Du würdest endlos in der Dämmerung wandern und das Licht nie erblicken.
Du mußt vielmehr den Berg bezwingen.

Aber auch der gerade Weg den Nordberg hinauf ist ein Irrweg. Es ist ein leichter Weg, auf dem du immer im Schein des Lichtes ansteigst. Du gelangst zwar höher hinauf, gleichwohl kannst du nicht weiter sehen, weil du von dem hellen Schein geblendet bist. Du siehst nur, was neben und was über dir ist. Schaust du ins Tal zurück, erkennst du nur noch verschwommen, woher du gekommen bist, so sehr bist du geblendet.
Also willst du hinauf, so schnell dich deine Beine tragen. Manchmal überholt dich einer und du mußt Schutz suchen vor den Steinen, die er lostritt. Hin und wieder kommst du schneller voran als die anderen, dann brauchst du nicht mehr darauf zu achten, was hinter dir geschieht. Die Gefahr droht nur von oben, du mußt dich rechtzeitig ducken.
Wenn du sehr viel höher gestiegen bist, bis dahin, wo der ewige Schnee liegt, sollst du dich in acht nehmen vor den Lawinen. Manchmal ist der Schein des Lichtes so warm, daß sich ein großes Schneebrett löst und alles mit sich in die Tiefe reißt. Dann mußt du den Aufstieg von neuem beginnen. Auch besteht die Gefahr, daß du in der gleißenden Helligkeit des Schnees erblindest, dann siehst du gar nichts mehr und bist umsonst aufgestiegen.
Auf dem Gipfel widerfährt dir eine große Enttäuschung. Du kannst das Licht nicht sehen, weil der Südberg höher ist als der Gipfel, den du erklommen hast. Du konntest es vom Tale her nicht erkennen. Man hat dir den falschen Weg gewiesen.
Nun ist es zu spät, umzukehren. Freiwillig steigt vom Nordberg ohnehin keiner ab. Lieber glauben sie, es gäbe gar kein Licht, sondern nur den Schein, weil sie sich ganz oben wähnen.

Hat man dir aber den richtigen Weg gezeigt, erwartet dich eine große Mühe. Du gehst die ganze Strecke im Schatten, frierst und mußt dich unaufhörlich plagen. Wenn es den Nordberg nicht gäbe, könntest du vielleicht gar nichts sehen, denn er wirft ein bißchen seines Scheins zu dir herüber. Er will es nicht, aber er kann es nicht verhindern.
So aber gewöhnen sich deine Augen mit der Zeit an die Dunkelheit und je höher du steigst, desto wunderbarer wird deine Aussicht. Weil du im Schatten wanderst, siehst du sogar deutlich in die Dämmerung hinein, aus der du hergekommen bist. Über dir erblickst du den Schein hinter deinem Gipfel. Nur wenn du zulange auf den Nordberg hinüber geschaut hast, bist auch du geblendet und mußt für eine Weile die Augen schließen, damit du wieder erkennst, wo du dich befindest.
Der Weg den Südberg hinauf ist kein gerader Weg, ihn könnte keiner schaffen. Es kann dir leicht passieren, daß du eine falsche Abkürzung einschlägst. Vielleicht stürzt du sogar ab und bleibst verletzt liegen, bis dich einer findet. Aber es ist noch nie vorgekommen, daß einer, der den rechten Weg ging, für immer liegen blieb.
Menschen, die den richtigen Weg gehen, sind nicht wie die Besteiger des Nordberges. Wenn dich einer überholt auf dem Weg zum Gipfel, wird er dich fragen: “Kannst du noch, Bruder, oder soll ich eine Weile mit dir rasten?” Wenn er dann weiter geht und aus Versehen über dir einen Stein lostritt, kann dir nichts geschehen, denn der Südberg ist sehr steil und alle Steine fallen über dich hinweg, ohne daß du dich ducken müßtest. Weil er so steil ist, gibt es auch keine Lawinen. Aber selbst wenn es welche gäbe, würden sie sich im Schatten viel schwerer lösen und wie die Steine über die Menschen hinweg rauschen.
Weiter oben kann es allerdings sein, daß du an einem vorübergehst, der sich aufgegeben hat. Nachdem du bei ihm gerastet hast und wieder aufbrechen möchtest, wird er zu dir sagen: “Geh ruhig weiter, ich habe keine Kraft mehr.”
Es ist gut, wenn du dann sprichst: “Wenn dich deine Kraft verlassen hat, dann trage ich dich ein Stück.” So er aber zu schwer für dich ist, den steilen Weg hinauf, dann sollst du wissen, daß es keinen Menschen gibt, der untragbar ist. Bald wird ein anderer kommen und dir dabei helfen. Ängstige dich nicht, du könntest zuviel Zeit verlieren, denn es kommt nicht darauf an, wie schnell du gehst, sondern daß du auf dem rechten Wege bist.
Das längste Stück deines Weges gehst du allein. Wenn dich ein anderer begleitet auf dem richtigen Weg zum Licht, verspürst du ein großes Glück. Doch du sollst nicht weinen an Tagen da du alleine bist und siehst, wie die anderen zusammen wandern, denn die menschliche Liebe ist nicht das größte Glück. Das wahre Glück findest du hinter deinem Gipfel, so du den richtigen Weg gegangen bist.

Zwei Schritte vor dem Ziel verhalte und wende dich zurück. Sieh ins Tal hinab zu jenen, die da in der Dämmerung kriechen und zu denen auf dem Nordberg, die zu dir herüber rufen: “Geh mir aus dem Licht.”
Zürne ihnen nicht, denn es ist nicht ihre Schuld, daß sie so verblendet oder mit Finsternis geschlagen sind. Man hat ihnen den falschen Weg gewiesen.

Dann setze deinen Fuß auf den Gipfel und erkenne das Licht.
Es wird dich strahlend umhüllen, du wirst keinen Schatten mehr werfen, denn das Licht ist überall und du bist selbst das Licht.

Wenn da aber keiner ist, der dir einen Weg weisen kann, so strebe stets zum Licht und folge nicht dem Schein”.


“Amen” sagte Tommy.

“Prost” antwortete Peter.

Kurz bevor ihnen an Bord das Trinkwasser ausging, erhielten sie über UKW die frohe Botschaft: “Captain your ship will berth tomorrow. Pilot will board your vessel around nine o’clock in the morning.”

Tommy brauchte seine Kammer nicht zu räumen, für die kurze Strecke bis zur Pier benötigte der Lotse keine Unterkunft. Im Verlauf der gesamten Reise war das nur einmal, während der Suez Kanal Passage der Fall.
Vom Liegeplatz des Schiffes konnte man das Zentrum der Hafenstadt Kunsan bequem zu Fuß erreichen.
Schon bei ihrem ersten Landgang im “Land der Morgenstille” wurde besonders Tommy von einem gewissen “Kulturschock” erfaßt, wie man zu sagen pflegt. Kaum jemand sprach auch nur ein Wort Englisch, herzliche Beziehungen zu Fremden gehörten offenbar in Korea nicht zum guten Ton. Bereits beim Passieren des Hafentors wurde deutlich, daß das Land von einer Militärregierung beherrscht wurde. Immerhin hatten sie nach langer Zeit wieder festen Boden unter ihren Füßen. In einer ambulanten Krankenstation mußten sie sich gleich nach Ankunft gegen Gelbfieber impfen lassen, die Behörden der Philippinen verlangten diese Schutzimpfung bei der Einreise.
Auf Tommys Armen waren noch Einstichstellen seiner Orgie unmittelbar vor der Entgiftung zu erkennen. Anscheinend bemerkte die Ärztin nichts, jedenfalls erhielten sie anstandslos ihre Impfpässe.
Das Wetter war kühl, es war Dezember, dafür schien die Sonne aus einem wolkenlos blauen Himmel.
Peter war enttäuscht, die Atmosphäre der Stadt war nicht zu vergleichen mit jener der größten koreanischen Hafenstadt Pusan, einem Seemannsparadies, das er kannte. So streiften sie durch die westlich geprägte Innenstadt, wo sie bald die große Markthalle entdeckten. Wie auf allen Märkten der Welt bot sich ihnen ein malerisches Bild. Es gab wenig Obststände, Obst war sehr teuer, dafür einen riesigen Fischmarkt. Tommy kaufte frischen Tintenfisch, den er noch am selben Tag an Bord zubereitete. Ganz am Ende der Halle, in der Fleischabteilung, trauten sie ihren Augen nicht: hier lagen stapelweise Hunde, frisch geschlachtet oder tiefgefroren. Beinahe fluchtartig suchten sie den Weg zum Ausgang.

“Vielleicht waren das ja doch Hasen” dachte Peter laut.

“Hast du schon einmal ein Karnickel mit dreißig Zentimeter langen Beinen gesehen?” widersprach Tommy. Wie meistens hatte er recht. An Bord bereitete er den frischen Tintenfisch, den sie bereits wieder mit Genuß verzehren konnten.

Ihr nächtlicher Streifzug führte sie in eine Tanzbar mit viel Betrieb, allerdings herrschte ein deutlicher Männerüberschuß. Offenbar ließen ganze Bürobelegschaften hier ihren Frust ab und spülten den Tagesstreß hinunter. Die sonst so reservierten Koreaner fielen sich teilweise schon nach ein paar Schnäpsen um den Hals. Abwechselnd sangen sie inbrünstig auf einer kleinen Bühne mehr laut als schön und spendeten sich gegenseitig Beifall.

“Die bechern ganz schön” stellte Tommy fest.

“Der Todfeind der Koreaner ist der Leberkrebs” informierte Peter.
Sie selbst hatten sich für eine Flasche koreanischen Whisky entschieden. Eine Flasche J.W. Red Label hätte 180 US-Dollar gekostet, das war ihnen dann doch zuviel. Den einheimischen Fusel verkaufte man ihnen für “nur” 80 Dollar, er wurde mit Milch anstelle von Soda serviert. Wie sie bald feststellten, verminderte die Milch erheblich dessen Wirkung, also tranken sie ihn pur.
Einige der nicht mehr ganz nüchternen Gestalten in Anzügen mit Krawatte klopften ihnen freundlich auf die Schultern, selbst mit ihnen scheiterte eine Unterhaltung jedoch an der unüberwindlichen Sprachbarriere. Die anwesenden Ladies waren hübsch, doch “sie tanzten als ob sie auf Eseln ritten”, wie es Peter einmal irgendwo gelesen hatte.
Nachdem sie ihre Flasche geleert hatten, verließen Tommy und Peter den Laden, bevor man sie zum Singen auf die Bühne zerren konnte. Hierfür hätten sie ihre Stimmen noch etwas kräftiger ölen müssen, was ihnen bei diesen Preisen nicht ratsam erschien.
Auf dem Nachhauseweg kamen sie an einigen Room Bars vorbei, wo junge Mädchen in heißen Höschen vornehmlich ihr Talent im Einschenken und Abzocken unter Beweis stellten.

“Hältst du es noch ein paar Tage aus?” fragte Peter. “Auf den Philippinen leben wir von der Kohle eine ganze Woche.”

“Klar” sagte Tommy. “Schließlich habe ich ja wieder zwei gesunde Hände.”

“Paß nur auf” warnte Peter, “zuviel sexuelle Enthaltsamkeit kann zu einem Tennisarm führen.”

Nach drei Tagen war die Restladung Salpeter gelöscht, nicht nur die Filipinos freuten sich, daß es durch das Gelbe Meer ihrer Heimat entgegen ging.

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Schon zwei Tage später konnten sie im Ostchinesischen Meer an Deck in der Sonne braten, weitere vier Tage darauf steuerten sie den Hafen von Tacloban auf der philippinischen Insel Leyte an.

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