»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 24

Ein Gewitter hatte die schwüle Luft spürbar abgekühlt. Am Nachthimmel zuckte ein letzter Blitz ohne Donner. Es hatte aufgehört zu regnen, im nassen Asphalt spiegelten sich die Leuchtreklamen der Bars und das Blaulicht eines Peterwagens.
St. Georg schlief nie wirklich. Die Stöckelschuhe einer jungen Frau klapperten einen langsamen Takt das Pflaster auf und ab. Aus den Kellerbars drang Gelächter zu den Klängen von Seemannsliedern und sentimentaler Musik, die Durst macht.

Im “Kulmbacher” gab es ein großes Hallo. An der Theke saß Hannes das Pferd, ein Kollege aus der Seefahrt, mit dem Peter auf mehreren Schiffen zusammen gefahren war.

“Mensch, was machst du denn hier in diesem Laden?” Hannes’ gefürchtete, abortdeckelgroße Pranke krachte auf Peters Schulter.

“Dasselbe wollte ich dich gerade fragen. Hast du dich verirrt?” Peter rappelte sich wieder hoch.

“Mein Sohn hilft ein paar Tage hier aus, er heißt übrigens Peter.”

Der Peter vor dem Tresen gab dem dahinter die Hand.

“Ich wußte gar nicht, daß du einen Sohn hast, noch dazu einen so großen” wunderte sich Peter.

“Ich auch nicht” gestand Hannes, “bevor er im letzten Jahr plötzlich vor meiner Tür stand. Los komm, was trinkst du?”

Hannes kam aus Flensburg, er sollte sich am anderen Morgen bei der Reederei melden und übernachtete bei seinem Sohn im Schanzenviertel. Er war ein großzügiger, gutmütiger Mensch und ein prima Kamerad. Peter erzählte ihm offen in kurzen Worten, was ihm in den letzten zwei Monaten widerfahren war.

“Du hast dich in einen Stricher verknallt” stellte Hannes fest, “das hätte ich dir nie zugetraut.”

“So solltest du es nicht sehen” widersprach Peter, “der Junge ist ein echter Freund geworden.”

“So hab ich es auch nicht gemeint” schwächte Hannes ab, “du wirst schon wissen, was du tust.

Peter erkundigte sich nach den Kollegen seiner früheren Firma, Hannes kam auf vielen Schiffen herum und wußte über alles Bescheid. Sie wärmte alte Geschichten auf, der Peter hinter dem Tresen machte ein gutes Geschäft. Den Tunten an der Theke waren sie zu vulgär, sie verzogen sich an einen Tisch.

“Wieso sagst du eigentlich immer Pferdchen zu meinem Alten?” fragte der Junge dazwischen.

“Weißt du das gar nicht?” staunte Peter, “Hannes kann wiehern wie ein Pferd.”

“Mach mal” forderte der andere Peter seinen Daddy auf.

“Spinnst du? Hier doch nicht” zierte sich Hannes.

“Los, stell dich nicht so an” verlangte auch Peter, “sonst erzähl ich die Geschichte von Michael und der Bolzenschere.”

“Das tust du nicht” drohte Hannes. “Also gut, aber nur einmal.”

“Mach die Musik leiser” sagte Peter zu Peter.

In die Stille hinein wieherte Hannes langgezogen kräftig im Originalton eines Allgäuer Haflingers. Dabei scharrte er mit dem Fuß wie ein echter Brauereigaul. Erst war es ganz ruhig, dann schnatterten die Tunten an den Tischen aufgeregt durcheinander, die drei an der Theke schüttelten sich vor Lachen. Hannes hatte von der Anstrengung eine knallrote Birne.

“Siehst du” sagte Peter, “er kann es noch.”

Um vier Uhr kam der Wirt, den sie “Gerda” nannten, zur Abrechnung herunter, Peter machte sich auf den Heimweg.
“Wir wohnen im ‘Adria Hof’, schaut mal vorbei” meldete er sich aus der fröhlichen Runde.

Ohne aufzuwachen drehte sich Tommy nur herum, als Peter ziemlich geschafft neben ihm auf die Matte sank.
Ein gewaltiger Druck auf der Blase trieb ihn ein paar Stunden später aus den Federn. Tommy war schon außer Haus, “bin bei Oma” stand auf einem Zettel, der hinter den Spiegel über dem Waschbecken geklemmt war.
Auch die Dusche vermochte das Brummen in seinem Schädel nicht zu lindern.
In ihrem Versteck, Peters Samsonite mit Zahlenschloß, lagen noch vier Päckchen. Er zog eines davon durch die Nase und ließ sich aufs Bett zurückfallen. Der Brummschädel verschwand sofort, auch die warme Welle war wieder da, nur die Explosion in seinem Hirn blieb aus. Er schob es auf den Kater, schaltete den Fernseher ein und machte aus den drei verbliebenen Päckchen wieder vier.

“Du mußt ja ganz schön gebechert haben” meinte Tommy, als er zwei Stunden später wieder auftauchte, “die ganze Bude hat nach Schnaps gestunken. Übrigens, du sollst irgendwo anrufen, die Nummer liegt an der Rezeption.”

Dann öffnete er den Samsonite und fischte ein Päckchen heraus. “Komisch” sagte er, als das Pulver auf dem Löffel lag. Peter vermied seinen Blick. Tommy faltete die restlichen drei Briefchen auseinander und wieder zusammen, sagte aber nichts.

Peter ging hinunter zur Rezeption, wo man ihm einen Zettel überreichte. “Erbitten Anruf bei Inspektion 361011” stand darauf, es war die Telefonnummer seiner früheren Reederei.
Am Apparat meldete sich der Decksinspektor: “Hannes hat uns gesagt, daß sie gerade in Hamburg sind. Wir haben ein Problem, vielleicht können sie uns helfen.” Er suchte einen Funker mit deutschem Patent, der für eine kurze Schwedenreise als Vertretung einsprang, weil die philippinische Besatzung des Schiffes wegen Schwierigkeiten mit der dortigen Gewerkschaft ausgewechselt werden mußte.

“Wann wäre das denn?”

“Sie müßten morgen gleich los, um 10 Uhr fährt ein Bus vom Rödingsmarkt ab.”

Peter sagte sofort zu, denn seine Schulden hatten 30 000 Mark schon überschritten, jeder warme Regen war im zur Zeit willkommen. Tommy hatte nichts dagegen, nur Stoff mußten sie vorher noch besorgen.

“Sieh zu, ob du die Kurden wieder erwischt” schlug Peter vor, dann bringen wir das Zeug heute noch zu Oma. Sechs Gramm sollten reichen, in fünf Tagen bin ich wieder hier.”

Sie machten sich sofort auf den Weg. Peter besorgte das Geld und wartete im Imbiß auf dem Hauptbahnhof. Bald darauf erschien Tommy. “Um 18 Uhr” sagte er, “in einem Türken-Imbiß am Steindamm. Es sind dieselben Leute, besser, du kommst nicht mit.”

Der Deal klappte, 8 Gramm für 1000 Mark brachte Tommy in die Absteige, den Rest des Geldes gab er Peter zurück.

“Hier nimm, daß du mal ein Eis essen kannst” Peter legte einen Blauen auf den Tisch, aber der Junge lehnte ab: “Oma sorgt schon für mich.”

Dann testete er den neuen Stoff, es war die gleich gute Qualität: “Wir können es zusammenpacken.”
Peter kramte die drei Päckchen aus dem Samsonite, zwei davon schüttete er in den Beutel mit dem neuen Stoff, eines ließ er in seiner Tasche verschwinden, als Tommy einen Augenblick nicht aufpaßte. Anschließend verteilten sie die Shore auf acht gleich große Portionen.

“Und heute?” fragte Peter.

“Viel brauch ich heute nicht mehr, ich koch die Filter aus, das reicht.” Tommy sammelte die Zigarettenfilter, durch die er die Pumpen aufzog, sorgfältig “für schlechte Zeiten”, wie er sagte. Eine genügende Anzahl davon ergab einen richtig guten Druck.

“Wir gehen heute nicht mehr zu Oma, du kannst ihr den Stoff auch morgen geben” fand Peter, “laß uns lieber irgendwo was essen.”

“O.K.” stimmte Tommy zu, “wenn du zurück bist, kannst du Oma ja fragen, ob ich das Zeug abgeliefert habe.”

Sie entschieden sich für Steak mit Ofenkartoffel und Erdbeeren mit Schlagsahne. Während Tommy später auf ihrer Bude die Filter auskochte, zog Peter auf der Toilette seine vierte Nase. “Ich hol von der Tanke noch was zu trinken” hatte er zu seinem Freund gesagt. Es fiel nicht auf, daß er etwas länger dazu brauchte.

Als Peter aufwachte, spürte er, wie das Blut in seinen Beinen pumpte und pochte. Sein Hals war voller Schleim, die Nase lief.
Es war zu früh, aufzustehen, doch er konnte nicht mehr liegen. Sein Rücken tat ihm weh, er drehte sich auf den Bauch. Der Schmerz wanderte mit, er wälzte sich wieder herum.
Das kann doch nicht wahr sein, dachte er, nach vier Nasen. Aber es war so und er mußte in ein paar Stunden auf einem Dampfer einsteigen. Er wußte, was ihm helfen würde, dennoch blieb er hart. Ohne zu duschen zog er sich an. Die Klamotten hatten sie abends zuvor schon gepackt, er wickelte nur noch Buddha in die rote Unterhose und stopfte ihn dazu. Dann weckte er Tommy.

“Ich kann nicht mehr schlafen, Alter. Ich mach mich schon auf die Socken.”

“Ich dachte, wir frühstücken noch zusammen?” gähnte Tommy verschlafen.

“Das wird dann doch zu spät. Also, in einer Woche bin ich wieder hier. Penn ruhig weiter, bis 12 Uhr ist die Bude bezahlt.” Peter wollte an die Luft.

“Komm her.” Tommy zog ihn herunter und nahm ihn in die Arme. “Sauf mir nicht ab.”

“Und du bau keinen Scheiß. Grüß Oma und laß keine Pumpen liegen. Ciao Alter.”


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