Der Prinz mit der Zahnlücke - Tommy 23
Tatsächlich fuhren sie bald darauf zur Drogenberatung in die Königstraße. Tommy war ziemlich breit. Sabine, seine Beraterin, schien das gewohnt zu sein, sie nahm es vollkommen gelassen hin. Sie war relativ jung und sehr souverän, in ihrem Job hatte sie offensichtlich alle Illusionen abgelegt.
Die beiden unterhielten sich unter vier Augen, Peter studierte die ausgelegten Broschüren über Drogen und Aids. Man verabredete einen neuen Termin, Sabine wünschte Glück.
Auf dem Rückweg grüßte Tommy einen jungen Mann in seinem Alter, der ihnen mit einer Einkaufstüte in der Hand lachend entgegenkam.
“Das war Daniel” sagte Tommy. “Er hat Aids.” Der Junge hatte völlig gesund ausgesehen, ein richtiger Sunnyboy.
Sie sprachen nie über dieses Thema, auch nicht über den Test. Es war nicht nötig, es zu wissen.
Sie nutzten den Schwung, der Tommy in diesen Tagen beflügelte. Einer Aufforderung zur Untersuchung bei der Musterungsbehörde der Bundeswehr war nachzukommen, auf dem Bezirksamt beantragten sie Personalausweis und Reisepaß. Peter begleitete seinen Freund bei diesen Gängen, zu zweit empfanden sie das Warten und Herumsitzen weniger ätzend.
Nach einem weiteren Termin bei der Drogenberatung verkündete Tommy:
“Wenn du wieder einsteigen mußt, gehe ich nach Ochsenzoll. Sabine leiert das an.”
“Und nächstes mal im Allgäu läßt du deine Beißerchen reparieren” regte Peter an, “wir haben einen guten Zahnarzt im Dorf, der macht das in zwei Wochen.”
Wenn sich Tommy bei seiner Freundin aufhielt, drehte Peter alleine seine Runden, es tat ihm gut.
Am späten Sonntagnachmittag machten sie sich mit ein paar Orchideen bewaffnet auf den Weg zu Tommys Mutter. Antonia mochte etwa zehn Jahre jünger sein als Peter, eine gepflegte und gutaussehende Frau mit Stil. Sie kleidete sich mit sicherem Geschmack, ihre Wohnung in Eppendorf war hell, peinlich sauber und trotzdem gemütlich. Nichts wirkte überladen, Peter fühlte sich sofort wohl. Allein die Art, wie die wenigen Bilder an der Wand hingen, atmete Kultur. Ein Hauch von Spanien in hanseatischer Atmosphäre.
Sie gaben sich die Hand, Peter fummelte unbeholfen an den Blumen. Antonia küßte Tommy und roch an seinen Haaren.
“Du rauchst zuviel” , stellte sie fest.
“Nimm Platz”, lud sie Peter ein, “ich bin gleich fertig.”
Tommy spionierte in der Küche, Peter setzte sich an den großen runden Tisch, der bereits für drei gedeckt war. Der Junge zeigte Peter sein Zimmer.
“Ich habe nichts verändert” sagte Antonia.
Es gab spanischen Braten mit vielen Salaten, Tommy öffnete eine Flasche Wein. Die lockere Art der Frau verscheuchte Peters Nervösität schnell. Das Essen schmeckte hervorragend, sie ließen sich viel Zeit.
Dann stand Tommy auf: “Ich geh mal hoch zu Soraya, damit ihr über mich herziehen könnt.”
Antonia und Peter räumten den Tisch ab.
“Machst du mir einen Kaffee?” bat Peter und folgte ihr in die Küche.
“Wir pennen zusammen aber wir schlafen nicht miteinander” sagte er und sah ihr in die Augen. “Wir haben uns so kennengelernt, doch das ist lange vorbei. Ich liebe ihn, er ist mein Freund.”
“Das würde mich nicht stören” antwortete Antonia, “ich habe gute Freunde, die schwul sind.”
“Aber Tommy ist nicht schwul. Deswegen möchte ich, daß du das weißt.”
“Ich liebe mein Kind auch” versicherte sie dann, “doch es ging nicht mehr.”
“Ich weiß” sagte Peter, “er hat es mir erzählt.”
“Was du hier siehst, ist nur billiger Plunder, Modeschmuck. Das andere ist alles weg. Aber das war nicht das schlimmste.”
“Ich kenne das” gestand Peter. “Wenn du ein Martinshorn hörst, denkst du, vielleicht ist er es, den sie holen. Das Blaulicht in deiner Straße versetzt dich in Panik.”
Als Tommy zurückkam, fragte er: “Na, wann ist die Hochzeit?”
“Sie will mich nicht” sagte Peter, “wegen meines schlechten Umgangs.”
Sie tranken den Wein aus, Antonia besaß das Wesen eines jungen Mädchens und immer noch ihr spanisches Temperament. Nur ihr Lachen brach manchmal ab, als fürchtete sie, dafür bestraft zu werden.
Nach längerem Schweigen stand sie auf und trat hinter ihren Sohn. Sie legte ihre Arme um ihn, Tommy konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Peter rauchte eine Zigarette auf dem Balkon.
Beim Abschied sagte sie zu Tommy: “Ihr könnt jederzeit kommen, wenn ihr nicht wißt, wo ihr hinsollt, auch für ein paar Tage.”
Dann nahm sie Peter in die Arme und meinte: “Sei kein Träumer.”
Während sich Tommy in der Absteige versorgte, fragte er: “Hast du was dagegen, wenn ich nochmal kurz bei Anja vorbeischau?”
“Nee, wie kommst du darauf?” wunderte sich Peter. “Du kannst auch jederzeit bei ihr schlafen, das weißt du doch.”
“Nein, ich penne lieber hier. Aber kann ich ein Päckchen mitnehmen? Möglich, daß sie gar nichts hat.”
“Mach das.” Peter war nicht gerade begeistert, doch er wollte keinen Streß. “Es ist ja dein Zeug.”
Der Junge ging, Peter sortierte die verbliebenen fünf Päckchen. Er schüttete ihren Inhalt vorsichtig auf einen Bogen Papier und machte aus dem Häufchen mit einem Messer wieder sechs gleiche Portionen. Er packte fünf Briefchen mit dem Stoff sorgfältig wieder zusammen, das sechste, das er selbst faltete, war etwas schief geraten. Peter warf es in den Papierkorb, das kleine Häufchen Shore lag vor ihm auf dem Bogen Papier. Er rollte einen Zwanziger zusammen und drehte ihn nachdenklich, aber ohne wirklich zu denken, zwischen seinen Fingern. Dann steckte er ihn in die Nase und zog die ganze Shore mit einem kräftigen Zug hinauf.
Es kam langsam, dafür nahm es ihm diesmal fast den Atem. Er fühlte ein starkes Pochen im Hals, einen rasch anschwellenden Druck im Kopf, der sich kurz vor dem Bersten seines Gehirns in einer lautlosen Explosion entlud. Tausend kleine Sternchen kribbelten die Blutbahnen hinab, die Haut juckte leicht und angenehm. Dann zog jemand eine wohlig warme Decke über ihn, vom Kopf hinab bis zu den Zehenspitzen. Ihm war nicht heiß, nur sehr, sehr warm. Ein wunderbarer Friede senkte sich auf ihn herab, unendlich glücklich schlief er ein.
Als er eine Stunde nach Mitternacht aufwachte, war er noch immer angezogen. Tommy lag ruhig atmend neben ihm. Peter steckte sich eine Kippe an. Auf dem Nachttisch lächelte Buddha irgendwie anders. Peter hob die gefalteten Hände vor die Stirn, schlüpfte in die Schuhe und verließ das Hotel.
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Die beiden unterhielten sich unter vier Augen, Peter studierte die ausgelegten Broschüren über Drogen und Aids. Man verabredete einen neuen Termin, Sabine wünschte Glück.
Auf dem Rückweg grüßte Tommy einen jungen Mann in seinem Alter, der ihnen mit einer Einkaufstüte in der Hand lachend entgegenkam.
“Das war Daniel” sagte Tommy. “Er hat Aids.” Der Junge hatte völlig gesund ausgesehen, ein richtiger Sunnyboy.
Sie sprachen nie über dieses Thema, auch nicht über den Test. Es war nicht nötig, es zu wissen.
Sie nutzten den Schwung, der Tommy in diesen Tagen beflügelte. Einer Aufforderung zur Untersuchung bei der Musterungsbehörde der Bundeswehr war nachzukommen, auf dem Bezirksamt beantragten sie Personalausweis und Reisepaß. Peter begleitete seinen Freund bei diesen Gängen, zu zweit empfanden sie das Warten und Herumsitzen weniger ätzend.
Nach einem weiteren Termin bei der Drogenberatung verkündete Tommy:
“Wenn du wieder einsteigen mußt, gehe ich nach Ochsenzoll. Sabine leiert das an.”
“Und nächstes mal im Allgäu läßt du deine Beißerchen reparieren” regte Peter an, “wir haben einen guten Zahnarzt im Dorf, der macht das in zwei Wochen.”
Wenn sich Tommy bei seiner Freundin aufhielt, drehte Peter alleine seine Runden, es tat ihm gut.
Am späten Sonntagnachmittag machten sie sich mit ein paar Orchideen bewaffnet auf den Weg zu Tommys Mutter. Antonia mochte etwa zehn Jahre jünger sein als Peter, eine gepflegte und gutaussehende Frau mit Stil. Sie kleidete sich mit sicherem Geschmack, ihre Wohnung in Eppendorf war hell, peinlich sauber und trotzdem gemütlich. Nichts wirkte überladen, Peter fühlte sich sofort wohl. Allein die Art, wie die wenigen Bilder an der Wand hingen, atmete Kultur. Ein Hauch von Spanien in hanseatischer Atmosphäre.
Sie gaben sich die Hand, Peter fummelte unbeholfen an den Blumen. Antonia küßte Tommy und roch an seinen Haaren.
“Du rauchst zuviel” , stellte sie fest.
“Nimm Platz”, lud sie Peter ein, “ich bin gleich fertig.”
Tommy spionierte in der Küche, Peter setzte sich an den großen runden Tisch, der bereits für drei gedeckt war. Der Junge zeigte Peter sein Zimmer.
“Ich habe nichts verändert” sagte Antonia.
Es gab spanischen Braten mit vielen Salaten, Tommy öffnete eine Flasche Wein. Die lockere Art der Frau verscheuchte Peters Nervösität schnell. Das Essen schmeckte hervorragend, sie ließen sich viel Zeit.
Dann stand Tommy auf: “Ich geh mal hoch zu Soraya, damit ihr über mich herziehen könnt.”
Antonia und Peter räumten den Tisch ab.
“Machst du mir einen Kaffee?” bat Peter und folgte ihr in die Küche.
“Wir pennen zusammen aber wir schlafen nicht miteinander” sagte er und sah ihr in die Augen. “Wir haben uns so kennengelernt, doch das ist lange vorbei. Ich liebe ihn, er ist mein Freund.”
“Das würde mich nicht stören” antwortete Antonia, “ich habe gute Freunde, die schwul sind.”
“Aber Tommy ist nicht schwul. Deswegen möchte ich, daß du das weißt.”
“Ich liebe mein Kind auch” versicherte sie dann, “doch es ging nicht mehr.”
“Ich weiß” sagte Peter, “er hat es mir erzählt.”
“Was du hier siehst, ist nur billiger Plunder, Modeschmuck. Das andere ist alles weg. Aber das war nicht das schlimmste.”
“Ich kenne das” gestand Peter. “Wenn du ein Martinshorn hörst, denkst du, vielleicht ist er es, den sie holen. Das Blaulicht in deiner Straße versetzt dich in Panik.”
Als Tommy zurückkam, fragte er: “Na, wann ist die Hochzeit?”
“Sie will mich nicht” sagte Peter, “wegen meines schlechten Umgangs.”
Sie tranken den Wein aus, Antonia besaß das Wesen eines jungen Mädchens und immer noch ihr spanisches Temperament. Nur ihr Lachen brach manchmal ab, als fürchtete sie, dafür bestraft zu werden.
Nach längerem Schweigen stand sie auf und trat hinter ihren Sohn. Sie legte ihre Arme um ihn, Tommy konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Peter rauchte eine Zigarette auf dem Balkon.
Beim Abschied sagte sie zu Tommy: “Ihr könnt jederzeit kommen, wenn ihr nicht wißt, wo ihr hinsollt, auch für ein paar Tage.”
Dann nahm sie Peter in die Arme und meinte: “Sei kein Träumer.”
Während sich Tommy in der Absteige versorgte, fragte er: “Hast du was dagegen, wenn ich nochmal kurz bei Anja vorbeischau?”
“Nee, wie kommst du darauf?” wunderte sich Peter. “Du kannst auch jederzeit bei ihr schlafen, das weißt du doch.”
“Nein, ich penne lieber hier. Aber kann ich ein Päckchen mitnehmen? Möglich, daß sie gar nichts hat.”
“Mach das.” Peter war nicht gerade begeistert, doch er wollte keinen Streß. “Es ist ja dein Zeug.”
Der Junge ging, Peter sortierte die verbliebenen fünf Päckchen. Er schüttete ihren Inhalt vorsichtig auf einen Bogen Papier und machte aus dem Häufchen mit einem Messer wieder sechs gleiche Portionen. Er packte fünf Briefchen mit dem Stoff sorgfältig wieder zusammen, das sechste, das er selbst faltete, war etwas schief geraten. Peter warf es in den Papierkorb, das kleine Häufchen Shore lag vor ihm auf dem Bogen Papier. Er rollte einen Zwanziger zusammen und drehte ihn nachdenklich, aber ohne wirklich zu denken, zwischen seinen Fingern. Dann steckte er ihn in die Nase und zog die ganze Shore mit einem kräftigen Zug hinauf.
Es kam langsam, dafür nahm es ihm diesmal fast den Atem. Er fühlte ein starkes Pochen im Hals, einen rasch anschwellenden Druck im Kopf, der sich kurz vor dem Bersten seines Gehirns in einer lautlosen Explosion entlud. Tausend kleine Sternchen kribbelten die Blutbahnen hinab, die Haut juckte leicht und angenehm. Dann zog jemand eine wohlig warme Decke über ihn, vom Kopf hinab bis zu den Zehenspitzen. Ihm war nicht heiß, nur sehr, sehr warm. Ein wunderbarer Friede senkte sich auf ihn herab, unendlich glücklich schlief er ein.
Als er eine Stunde nach Mitternacht aufwachte, war er noch immer angezogen. Tommy lag ruhig atmend neben ihm. Peter steckte sich eine Kippe an. Auf dem Nachttisch lächelte Buddha irgendwie anders. Peter hob die gefalteten Hände vor die Stirn, schlüpfte in die Schuhe und verließ das Hotel.
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neo-bazi - 22. Jun, 23:49
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