»Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« — F. Nietzsche 

Der Prinz mit der Zahnlücke

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An meine Enkel Alexander, Christian, Markus und Gerd:



Diese wahre Geschichte ist Stefan gewidmet, aufgeschrieben hat sie Dein Großvater aber für Dich. Vielleicht hilft sie Dir zu verstehen, welch sonderbare Sache die Liebe manchmal sein kann.

Vor allem aber sollst Du wissen, daß es im Leben ein paar Dinge gibt, wo Du schon verloren bist, wenn Du den ersten Schritt getan hast.

Heroin steht ganz oben auf der Liste.

Wenn Du diesen Schritt tust, bringst Du namenloses Elend über Dich selbst, über alles was Du liebst und über alle, die Dich lieben.

Glaube Deinem Opa, er weiß nicht viel, aber das eine weiß er ganz sicher:



Du darfst den ersten Schritt nicht tun!








Für Stefan




Ich wollte Leben bewahren und habe doch nur Leiden verlängert. Dennoch mußt Du wissen, daß ich nichts bereue, denn Leben ist immer Leiden. Machmal denke ich, es war das einzig Vernünftige, das ich in meinem Leben überhaupt getan habe. Aber was ist schon Vernunft?

Entscheide Du, wer diese Zeilen liest.



Hamburg, Dezember 1996



Blaue Wüste



Alex und Michel




lousiana


Noch in der Florida-Straße hatten sie sich an Deck die Sonne auf den Pelz brennen lassen. Innerhalb weniger Stunden gab es einen Temperatursturz von plus 30 auf minus 10 Grad Celsius, “bitterly cold” war es geworden, wie es der Wetterbericht vorausgesagt hatte. Eine arktische Kaltfront war über den gesamten nordamerikanischen Kontinent nach Süden gezogen, nun traf die eisige Luft auf den aufgeheizten Golf von Mexiko. Es schien, als ob die See kochte. Der dichte Oberflächennebel stieg nur wenige Meter auf, so daß von den vorüberziehenden Schiffen noch Masten, Schornsteine und obere Aufbauten herausragten. Keiner an Bord konnte sich erinnern, je ein derart unwirkliches Bild gesehen zu haben:

meerkocht


“Da werden unsere Blackies ganz schön grau aussehen” feixte der Bootsmann während der morgendlichen coffee-time in der Schweinchenmesse.
“Wieso denn grau?” wollte ein Maschinen-Assi wissen.
“Weil Neger grau im Gesicht werden, wenn sie frieren, du Dussel, ist dir das noch nie aufgefallen?”
“Blaß oder rot im Gesicht können sie schlecht werden” meinte der Zweite Ingenieur.
Die “Columbus Louisiana” der Hamburg-Süd hatte, von Charleston kommend, um Florida herum Kurs auf New Orleans genommen, wo sie am späten Nachmittag eintreffen sollte. Der große Containerfrachter war in der Linienfahrt zwischen der US-Ostküste, der Karibik und Australien/Neuseeland eingesetzt. Auf den dreimonatigen Rundreisen beförderte das Schiff auch bis zu zwölf Passagiere, die regelmäßig in Charleston SC ein- und ausgeschifft wurden. Diesmal sollten die letzten drei, darunter der prominente farbige Schriftsteller Alex Haley, erst in New Orleans zusteigen. Die Schiffsführung war ein wenig nervös, man erwartete einen Medienrummel und wollte unangenehme Überraschungen vermeiden.
Als das Schiff mit zweistündiger Verspätung in NOLA festmachte, standen aber lediglich zwei dicke Ami-Schlitten mit den Passagieren und der Übertragungswagen einer lokalen Fernsehstation auf der Pier. Für ein längeres Interview war es wohl allen Beteiligten zu kalt, Herr Haley wechselte nur ein paar Worte mit der Reporterin, winkte in die Kamera und kletterte die Gangway hinauf, gefolgt von einem weiteren Schwarzen und einer ebenfalls dunkelhäutigen Dame.
Die Stewards schafften das Gepäck an Bord; Peter, der Funkoffizier, sammelte die Pässe der Herrschaften ein. Alle drei waren ihm auf Anhieb sympathisch. Die Lady war nicht mehr ganz jung, hatte aber eine perfekte Figur und ein unwiderstehliches Lächeln.
Alex Haley war einer der bekanntesten US-Schriftsteller. Mit seiner monumentalen dokumentarischen Familiensaga “Roots”, die auch verfilmt worden war, hatte er den Millionen schwarzen Amerikanern ihre Identität wiedergegeben. Nur wenige an Bord hatten das Buch gelesen, viele dagegen die Serie im Fernsehen verfolgt.
Die New Orleans-Ladung war rasch umgeschlagen. Das Schiff verließ alsbald den Mississippi und nahm Kurs auf Panama. Stündlich wurde es wärmer, bereits am Nachmittag des folgenden Tages konnten die Sonnenanbeter wieder ihrem Hobby nachgehen. Peter schlug sich unterdessen mit der Funkstelle des Panama-Kanals herum. Seitdem die Amis den Kanal an Panama zurückgegeben hatten, war die Übermittlung der langen Funksprüche mit der Anmeldung für die Passage eine mühsame Angelegenheit geworden. Eine Satelliten-Funkanlage fehlte noch, aus weiten Gebieten des Pazifik war deshalb auch die Verbindung zu Norddeich Radio auf Kurzwelle schwierig herzustellen und erforderte große Erfahrung. Peter besaß diese Erfahrung, denn er fuhr seit seinem siebzehnten Lebensjahr als Funker zur See und war auf allen Weltmeeren zu Hause.
Die Stellung des Funkers an Bord bedeutete eine besondere Vertrauensposition. Dem Kapitän direkt unterstellt, war er andererseits durch seine Tätigkeit als Verwalter in ständigem Kontakt mit der gesamten Besatzung. Vor allem die jüngeren Seeleute kamen häufig auch mit ihren privaten Problemen zu ihm. Manchmal drückte er ein Auge zu, wenn in einem besonders interessanten Hafen das Vorschuß-Limit der Matrosen oder Heizer eigentlich schon überschritten war.
Fast alle Besatzungsmitglieder schätzten die täglich vom Funker herausgegebene Schiffspresse, in die Peter oft lokale Nachrichten oder in Versform gefasste Geburtstagsglückwünsche einarbeitete. Einige dieser literarischen Ergüsse wurden später im Magazin “Kehrwieder” des Verbands Deutscher Reeder abgedruckt, wofür sich der Verfasser dann bezeichnenderweise das Pseudonym “Häuptling Schmutzige Feder” zulegte.
Peter interessierte sich besonders für Menschen, die sich von der Masse ihrer Zeitgenossen abhoben.
Michael war Maschinen-Assistent und absoluter Einzelgänger, der mit Ausnahme des Offiziersanwärters an Bord keine Freunde hatte, wohl auch nicht haben wollte. Außer “Moin” und “Mahlzeit” hatte auch Peter mit ihm noch kein privates Wort gewechselt. Das ärgerte ihn maßlos, denn der Junge war ihm ausgesprochen sympathisch.
Peter sprach mit dem Offiziersanwärter, den jeder an Bord mochte, darüber.
“Geh doch einfach abends nach der Wache mal zu ihm auf die Bude, er wird dich schon nicht rausschmeißen” meinte der OA. “Ich bin auch öfter da.”
“Was ist der Kerl denn überhaupt für ein Typ?”
“Michel ist in Ordnung, ich kenne ihn recht gut” sagte Hans-Jürgen. “Was die Seefahrt betrifft, ist er noch ziemlich naiv, er macht erst seine zweite Reise. Ach so, Mike darfst du ihn nicht nennen, da wird er sauer.”
“O.K.” Peter entwickelte einen Plan. Am selben Tag erschien in der Schiffspresse nach den Nachrichten eine Mitteilung für die Besatzung:
‘Haben Sie Ihren Antrag auf Weihnachtsgeld schon abgegeben? Vergessen Sie nicht, letzter Abgabetermin ist der 15. November. Antragsformulare sind beim Funker erhältlich. Das Weihnachtsgeld wird nur gezahlt, wenn der Antrag ordnungsgemäß ausgefüllt wurde und rechtzeitig bei der Reederei eingegangen ist.’
Noch am selben Abend holte ein halbes Dutzend Besatzungsmitglieder beim Funker die Formulare ab. Auch der Kapitän ließ sich ein Exemplar geben.
Nach den Angaben zur Person wurden drei Fragen gestellt:
1) Wie sind Sie mit Ihren Vorgesetzten zufrieden?
2) Wie, glauben Sie, sind Ihre Vorgesetzten mit Ihnen zufrieden?
3) Wie beurteilen Sie Ihre eigene Leistung an Bord?
Am Schluß waren Bankverbindung und die Nummer des Kontos anzugeben, worauf das Weihnachtsgeld überwiesen werden sollte.
“Das ist ja wieder ein linkes Ding, das sie sich da ausgedacht haben” stellte der Kapitän fest. “Glauben sie denn, daß da einer drauf reinfällt?”
“Mal sehen. Ein paar haben das Formular schon abgeholt.”
Am anderen Morgen nach seiner Vier-Acht-Wache erschien Michel im Funkraum.
“Moin. Kann ich sie mal was fragen?”
“Klar, aber du brauchst nicht ‘sie’ zu mir zu sagen, sonst muß ich das auch tun. Das fände ich doof.”
“O.K.” akzeptierte Michel sofort. “Sag mal, wieviel bekommt denn ein Assi Weihnachtsgeld?”
“Das hängt von der Dauer der Reedereizugehörigkeit ab, so zwischen 500 und 1000 Mark. Und natürlich davon, ob der Antrag rechtzeitig gestellt worden ist.” Es fiel Peter nicht leicht, ernst zu bleiben.
“Doch soviel” grübelte Michel “kann ich so ein Formular haben?”
“Bitte. Und nicht vergessen, morgen ist letzter Abgabetermin, die Dinger müssen noch von Panama aus nach Hamburg geschickt werden.” Die Sache schien zu klappen.
Bei Einsendeschluß lagen zwei ordnungsgemäß ausgefüllte Anträge im Schiffsbriefkasten, der des Zweiten Stewards und Michels. Die anderen hatte den Braten gerochen und Blödsinn hingekritzelt.
Michel war mit seinen Vorgesetzten sehr zufrieden - obwohl er den 3. Ingenieur haßte - schätzte, daß diese mit ihm ziemlich zufrieden waren und beurteilte seine eigene Leistung als ausreichend.
Natürlich wollten alle wissen, wieviel Anträge eingegangen waren und von wem sie stammten. Selbstverständlich nannte Peter auch dem Kapitän gegenüber nur die Zahl, keine Namen.
Nach der Abendwache besorgte sich Peter beim Steward eine Flasche Jack Daniels, Michels Getränk, und klopfte an dessen Kammertür. Michel saß mit freiem Oberkörper relaxed auf der Couch und genehmigte sich seinen Klapperschluck.
“Darf ich hereinkommen?” fragte Peter, “ich möchte mich bei dir ein bißchen anbiedern.”
“Nur zu. Wenn es dich stört, ziehe ich ein Hemd an.”
“Nicht nötig” wehrte Peter ab “ich mach es mir zu Hause auch gemütlich. Nur ziehe ich dann die Hose aus.”
“Tu dir keinen Zwang an.”
“Nein, nein, das mach ich nur auf meiner Kammer. Also hier, ich hab dir etwas mitgebracht” Peter stellte die Buddel auf die Back.
“Eigentlich bin ich gerade dabei, mir das abzugewöhnen” protestierte Michel schwach.
“Das sehe ich. Also paß auf, Alter. Das mit dem Antrag auf Weihnachtsgeld war natürlich Blödsinn. Ich möchte mich bei dir entschuldigen.”
Michel war total überrascht. Dann ging ein eigenartiges Grinsen über sein Gesicht.
“Du Schwein.”
“Du hast ja Recht, aber irgendwie wollte ich mit dir ins Gespräch kommen.”
“Das hättest du mit der Flasche Jacky alleine auch haben können.” Michel goß sich reichlich ein. “Das muß ich erstmal verdauen. Wissen die anderen davon?”
“Spinnst du? Ich bin kein Schwätzer.”
Kurz darauf polterte der OA, der ebenfalls Vier-Acht-Wächter war, in die Kammer. Michel hatte sich noch immer nicht ganz beruhigt und erzählte seinem Kumpel, wie er hereingefallen war.
“Was, du hast den Antrag ausgefüllt? Was hast du denn geschrieben?”
Der OA bog sich vor Lachen, warf sich auf den Boden und trampelte mit Händen und Füßen auf dem Teppich herum. Jetzt bedauerte Peter seinen Jux, doch Michel nahm ihn nicht weiter krumm und der Spaß wurde der Beginn einer echten Freundschaft.
Es wurde eine ruhige Überfahrt. Die immer wieder faszinierende Passage des Panama-Kanals verlief reibungslos, ohne längere Wartezeiten erreichte das Schiff die Pazifikseite. Einige Passagiere waren in Cristobal ausgestiegen, durchquerten Panama auf dem Landweg und stiegen in Balboa wieder zu.

panama


Alex Haley war mit seinem Gefolge an Bord geblieben um zu arbeiten. Wie er Peter in der Messe nach dem Frühstück erzählte, konnte er an Bord eines Schiffes am besten arbeiten. Er kannte das Bordleben, vor seiner Karriere als Schriftsteller hatte er zwanzig Jahre lang in der US-Coast-Guard gedient. Dort begann er auch mit dem Schreiben. Zur Zeit war er auf Promotion Tour nach Neuseeland, um ein neues Werk vorzustellen. Gleichzeitig arbeiteten er und sein Team an einem weiteren Werk, das während der Überfahrt nach Auckland fertiggestellt werden sollte. Sein männlicher Begleiter besorgte die Recherchen. Für das Monumentalwerk “Roots”, an dem er 10 Jahre lang arbeitete, hatte Haley noch selbst eine dreiviertel Million Kilometer zurückgelegt. Alex schildert in seinem Buch, wie er versucht hat, sich auf dem Frachter “African Star” in den von Sklavenhändlern gefangenen Kunta Kinte während der Überfahrt auf dem Sklavenschiff hineinzuversetzen:
“….Nach jedem Abendessen kletterte ich über nicht enden wollende Eisenleitern in die Tiefe des dunklen, kalten Laderaums. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus, legte mich auf die rohen Planken und zwang mich, dort alle zehn Nächte der Überfahrt zu verbringen. Dabei versuchte ich mir vorzustellen was er gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt oder gerochen haben könnte. Meine Überfahrt war natürlich auf geradezu lächerliche Weise komfortabel, verglichen mit der gräßlichen Prüfung, der Kunta Kinte, seine Gefährten und all die anderen Tausende ausgesetzt waren.
Sie mußten angekettet in ihrem eigenen Dreck daliegen, geschüttelt von Angst und Entsetzen, und das für achtzig bis neunzig Tage, an deren Ende neue seelische und körperliche Schrecken auf sie warteten. Aber irgendwie brachte ich die Geschichte dieser Überfahrt zu Papier - aus der Perspektive der menschlichen Fracht ……”
Die charmante schwarze Lady, die Peter für sein Stoßverhältnis gehalten hatte, war die Lektorin. Vielleicht war sie auch beides. Auf der Post, die sie in Panama erhalten hatte, stand jedenfalls unter ihrem Namen ‘Professor for English, University of Tennessee’. Peter konnte sich nicht sattsehen an ihrem Lächeln, das sie freigiebig verschenkte, außerdem beflügelten ihre tadellosen Beine seine Phantasie.

blacklady


Das Team arbeitete bis tief in die Nacht hinein. Die Hälfte ihres Gepäcks bestand aus Computern, in ihren Kabinen ging nie vor 3 Uhr morgens das Licht aus.
Trotzdem erschien das Trio pünktlich und frisch zu allen Mahlzeiten. Alex Haley selbst war überaus freundlich und bescheiden. Mit Peter führte er regelmäßig einen Small Talk.
“If we’re back to the States” sagte er eines Tages “you must see me in my place. You have a good face, I’ll bring you out on TV.”
“What kind of horror movie have you in mind, Sir?”
“I’m not kidding, man” Alex lachte schallend “with your face you should work for TV.”
“But I’m not an actor, Sir. Actually I’m a collegue of yours.”
“Really, you are a writer? What kind of literature do you produce?”
“Only dirty poems, Sir. You know, my name as a writer is ‘Chief Dirty Feather.”
“Well, well” Alex lachte noch immer “good luck to you Chief.”

alexhaley


Nicht ohne Stolz berichtete Peter abends in Michels Kammer von dieser Unterhaltung.
“Der kann ja nur von einem Horror Film gesprochen haben” vermutete auch Michel.
“Ihr habt ja alle keine Ahnung. Klar, ich bin zwar nicht mehr ganz der jugendliche Liebhaber, aber wenigstens weiß ich jetzt, daß ich einen Charakterkopf habe.”
Michel hatte in Panama Post aus der Heimat erhalten. Den Brief seiner Mutter legte er sofort beiseite: “Immer das gleiche bla bla.”
Seine sensationelle Freundin Cosima hatte sich auch gemeldet. Mit ihr, einer außergewöhnlich intelligenten und außergewöhnlich hübschen Deutsch/Spanierin, wollte er nach dieser Reise in Kolumbien Urlaub machen, und zwar nicht faul am Karibikstrand , sondern im Dschungel.
Michel hatte nur wenige aber sehr intensive Beziehungen mit langen Pausen dazwischen. Cosima war ein wirkliche Schönheit, die ihn unablässig beschäftigte. Im Verhältnis zu ihr quälten ihn ebenso wie in seinem Job riesige Selbstzweifel. Versuchte man, diese Komplexe bei ihm abzubauen, hörte er interessiert zu, glaubte aber kein Wort. Schon jetzt, bevor er sein Studium überhaupt angetreten hatte, zweifelte er daran, ob er später als Ingenieur an Bord seinen Aufgaben gewachsen sein würde.
Aber davon, wie auch von seinem seelischen Befinden, sprach er erst nach dem dritten Whisky. Hinterher ärgerte er sich über seine Geschwätzigkeit. Daß Michel von seiner Umgebung unterschätzt wurde, lag daran, daß er sich selbst unterschätzte und daß ihn keiner wirklich kannte. Für Peter bedeutete er viel, er war stolz auf diese Freundschaft.
Michel war Experte für Reggea und der einzige, der sich in Kingston an Land traute. Während alle anderen der alltäglichen Überfälle wegen an Bord blieben, trieb sich das schmächtige Bürschchen in den finstersten townships herum und rauchte mit den Rastafaris Tüten. Nie ist ihm dabei etwas zugestoßen.
Für klassische Musik hatte Michel überhaupt keine Antenne. Seine beiden Freunde konnten das nicht verstehen. “Er hat das nur noch nicht richtig gehört” meinten sie. Also wurde wieder ein Plan entwickelt.
“Michel” sagte Peter, “du hast doch die beste Anlage an Bord. Hans-Jürgen und ich wollten gerne mal das Es Dur Klavierkonzert von Beethoven bei dir hören. Ist das O.K.?”
“Muss ich mir das etwa auch anhören?”
“Musst du nicht. Aber ich bin sicher, das gefällt dir auch.”
Abends nach der Wache erschienen Peter und Hans-Jürgen in dunkler Hose mit weißem Hemd zum Konzert in Michels Kammer. An die Tür hängten sie ein Schild “Nicht stören, Konzert”. Peter hatte die Kassette, Hans-Jürgen eine Kerze mitgebracht.
Michel saß ohne Hemd auf seiner Couch und fühlte sich sichtlich belästigt. Im Kerzenschein erklangen die ersten Takte des Meisterwerks. Peter lauschte andächtig mit gesenktem Kopf, Hans-Jürgen wackelte im Takt der Musik mit dem Haupt, Michel rutschte unruhig auf der Couch hin und her. Dann wollte er ein Gespräch anfangen, doch Hans-Jürgen zischte durch die Zähne, während Peter einen vorwurfsvollen Blick hinüber schoss. Michel räusperte sich, goss glucksend einen Whisky ein, verschluckte sich prompt und begann, laut zu husten. Danach kramte er in einer Schublade geräuschvoll in seinen Kassetten. Seine Gäste blickten sich kopfschüttelnd an. Während des langsamen Satzes mit den himmlischen Klavierläufen raschelte der Kulturbanause demonstrativ mit Schokoladenpapier. In der Mitte des letzten Satzes ging er zur Toilette und betätigte die Spülung.
“Das war’s dann wohl” sagte Peter nach dem Finale. “Ich bin mir vorgekommen wie bei einer Vergewaltigung.”
“Ja” stimmte Hans-Jürgen zu, “ein hoffnungsloser Fall.”
“Wieso?” sagte Michel, “war doch gar nicht so schlecht, wem’s gefällt …”
Auf seiner schönsten Reggea Kassette, die er Peter zum Abschied schenkte, fand dieser Tage später auf der Innenseite der Hülle folgenden Text:
“Dem kleinen König Peter Unwirsch als Dank für seine gnadenlose Unterstützung für jemanden, der weder viel Arbeit, noch viele Leute mag, an einem Ort, an dem es von beidem zuviel gab. Es gibt nur wenig Leute, die mir im Gedächtnis bleiben! Alles klar?
Gut, dann geh‘ doch scheißen.
Michel.”
—–

Fortsetzung folgt


Der Tiger



Häufig hielt sich Peter in der Schweinchenmesse auf. Eigentlich hieß der Raum neben der Kombüse duty mess, dort nahmen die Wachsgänger ihre Mahlzeiten ein, da der Aufenthalt in den anderen Messen in Arbeitskleidung nicht erlaubt war. Hier traf man sich in den Pausen bei Kaffee oder Tee, sprach über die Arbeit, über Fußball und vor allem über Thema Nr. 1, den Sex in all seinen Erscheinungsformen. Zoten jeglicher Art fanden immer Gehör. Peter vernahm zwar selten Neues, trotzdem hatte er sein Ohr ständig an der Stimme des Volkes, denn er brauchte Stoff für seine Schiffspresse. Ein Nachteil war, daß man sich einen öligen Hintern holen konnte, wenn vorher ein Kellerkind denselben Stuhl benutzt hatte.
Einer von Michels Kollegen, Sohn eines Kümo-Reeders, bevorzugte verheiratete Frauen.
“Die sind am dankbarsten” meinte er, “besonders wenn sie schwanger sind.”
Als Peter dazu kam, unterhielt man sich gerade über Schwänze.
“Sag mal” wollte der Reedersohn von Peter wissen, “wie lang ist eigentlich der Schwanz eines Tigers?”
“Keine Ahnung” Peter war überfragt. “Ich denke, so 30 Zentimeter.”
“Dann kannst du ab heute ‘Tiger’ zu mir sagen.”
Ein anderer Kollege wusste einen Tipp, wie man Schleifspuren in Unterhosen vermied:
“Du klemmst dir einfach ein Tempo-Taschentuch zwischen die Backen, dann brauchst du deine Fickstauden nur noch einmal pro Woche zu wechseln:”
“Ja, und wenn du eines nimmst mit Menthol, dann ham die Schwuchteln gleich einen angenehmen Geschmack im Mund, wenn sie dich am After schmatzen” schlug der Bootsmann vor.

tiger



Uli


Uli war Matrose, ein ausgesprochener Individualist aus dem Schwäbischen, dem seine Herkunft nicht mehr anzuhören war. Er sprach akzentfreies Hochdeutsch, Englisch, etwas Spanisch und Thailändisch, doch er sagte nicht viel.
Während er arbeitete, stand seine Kammertür stets offen, das vergrößerte Foto einer wunderschönen jungen Thailänderin fiel vom Gang aus sofort ins Auge. Ulis Verhalten war absolut korrekt, doch er wirkte auf seine Umgebung unnahbar. Nur zu einem anderen Matrosen, einem Alkoholiker, pflegte er merkwürdigerweise einen freilich sehr lockeren Kontakt.
Peter hatte mit Uli bisher ausnahmslos nur dienstlichen Umgang, was noch dazu sehr selten der Fall war. Während der Arbeitspausen vermied er die Gesellschaft seiner Kameraden in der Schweinchenmesse, zog sich lieber auf seine Kammer zurück. Er beteiligte sich kaum an den Tischgesprächen bei den Mahlzeiten.
Der 28jährige war topfit, kein Gramm Fett saß auf seinem durchtrainierten Körper. Jeden Abend praktizierte er mindestens eine Stunde lang Thaiboxen, wofür er sich im Kabelgatt unter der Back einen Sandsack aufgehängt hatte. Sobald das Schwimmbad aufgefüllt worden war, band er sich einen Strick um den Bauch, befestigte ihn am Beckenrand und kraulte kraftvoll am Tampen hängend, denn für richtiges Schwimmen war der Pool zu klein.
Eines Abends stand er an der Reling und ließ den überwältigenden Sonnenuntergang auf sich wirken. Peter stellte sich schweigend neben ihn. Sie begannen eine wortlose Unterhaltung über Thailand, denn die riesige rote Scheibe war in dieser Richtung durch das frankreichgroße Loch einer phantastischen Wolkenformation hinter der Kimm versunken.
Uli sah seine Frau das Mittagsmahl für die beiden Kinder zubereiten, die im warmen Wasser des Klong vor der Hütte planschten. Er konnte die Früchte riechen, das Lachen hören und spürte die Sehnsucht tief in sich aufsteigen.
Peter war vor dem stinkenden Lärm der Straßen Bangkoks in den Tempel geflüchtet, in dem nichts zu hören war als der feine, hohe Gesang der Windspiele, nichts zu riechen als der leise verwehende Geruch der Räucherstäbchen vor der langen Reihe goldener Buddhas.
Ja, das war so eine Sache mit dem Heimweh, es konnte die Kehle verschnüren, das Herz zersprengen. Und trotzdem liebten sie beide diese blaue Wüste, die ihr Schicksal war.
“Schlaf gut” Peter legte seine Hand auf Ulis Schulter.
“Du auch.”
Am nächsten Tag sagte Uli wieder ”Sie” zu Peter. In seiner unerschütterlichen Korrektheit meinte er, man sage schneller ”Du Arschloch” als “Sie Arschloch” zum anderen.
“Sie können mich aber ruhig duzen, mich stört das nicht” bot er an.
Fortan hielten sie es so. Uli erzählte Peter viel über Thailand, er lebte seit mehreren Jahren im Norden des Landes in der Nähe von Chiang Mai. Im “Goldenen Dreieck” hatte er sich niedergelassen und seiner Frau ein Haus gekauft, denn Ausländer durften keinen Grund erwerben. Sein Plan war der Aufbau einer Seidenraupenzucht, dafür sparte er seine gesamte Heuer. “Vielleicht wird das Goldene Dreieck irgendwann einmal anstelle des Opiums dafür berühmt.”
Peter liebte Thailand sehr, doch war er über Bangkok kaum hinaus gekommen. Er erfuhr, daß Thaiboxen keine Sportart war sondern eine Einstellung und viel über die eigenartig langsame thailändische Musik. All das hatten ihm die Mädchen in Bangkok nicht erzählen können, denn keine von ihnen sprach ausreichend Englisch.
“Was ich nicht verstehe, Uli: warum hängst du das Bild deiner Frau gleich hinter die offene Kammertür an den Eingang?” fragte Peter. “Sie ist sehr schön, aber daß du mit ihr angeben willst, kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre nicht deine Art.”
“Nein, das ist es nicht” lächelte Uli. “Aber sehen sie, ich bin einfacher Matrose. Meine Arbeit besteht tagaus, tagein nur aus Malen und Rostklopfen. Die Menschen, mit denen ich arbeiten muß, mag ich nicht sonderlich. Wenn ich dann auf meine Kammer komme, sehe ich als erstes das Bild und bin gleich ein bißchen zu Hause. Über dem Bett hängt sie natürlich auch.”
Nun konnte Peter ihn verstehen.
Vollkommen ausgelassen erlebte Peter ihn nur einmal während des Aufenthalts in Trinidad, als er abends eine Unmenge tropischer Früchte an Bord schleppte und mit seinem alkoholisierten Kollegen sofort wieder an Land schoß.
“Wissen sie, als Leichtmatrose bin ich fast nur Karibik gefahren. Limbo und Salsa liegen doch noch im Blut” war sein Kommentar dazu.
Als Uli am Ende der Reise das Schiff verließ, gab er Peter einen Zettel mit seiner Adresse in Thailand und einem Gedicht:

Der Bedingungen eines einsamen Vogels sind fünf:
Die erste, daß er zum höchsten Punkt fliegt;
Die zweite, daß sein Schnabel gen Himmel zielt;
Die dritte, daß er sich nicht nach Gesellen sehnt, nicht einmal
seiner eigenen Art;
Die vierte, daß er keine bestimmte Farbe hat;
Die fünfte, daß er sehr leise singt.

San Juan de la Cruz,
“Dichos de Luz y Amor”

uli



Olaf


Olaf, ein 23 Jahre alter Pädagogikstudent aus Tübingen, fuhr an Bord als Robber mit. So nannte man die Überarbeiter, die als Gegenleistung für freie Passage und Verpflegung an Deck oder in der Maschine einfache Arbeiten verrichten mußten. Oft waren diese Tätigkeiten recht anstrengend. Das schmächtige Bürschlein war körperliche Arbeit nicht gewohnt und litt bereits am ersten Tag unter fürchterlichem Muskelkater. Der junge Mann war durchaus nicht weltfremd, mit dem rauhen Umgangston an Bord hatte er jedoch zusätzliche Probleme. Zu allem Überfluß bewohnte er eine kleine Zweimannskammer zusammen mit einem robusten jungen Amerikaner, der kräftig und laut dem Alkohol zusprach.
Olaf hatte das Studium unterbrochen, um in Australien seinen Bruder zu besuchen. Hätte er vorher gewußt, was ihn an Bord erwartet, wäre er sicher mit dem Flugzeug gereist. Bereits einen Tag nach Panama klagte er Peter abends im Funkraum sein Leid. Peter gab ihm ein paar Tips, “aber um auszusteigen, ist es zu spät. Da mußt du jetzt durch. Es sind ja nur schlappe drei Wochen. Wenn dich der Ami nervt, kannst du dich jederzeit in meiner Kammer aufschießen, auch wenn ich nicht da bin.”
Olaf nahm das Angebot wörtlich. Als Peter nach der Wache von seinem obligatorischen Besuch bei Michel zurückkam, lag Olaf auf seiner Couch und las.
“Du kannst ruhig Musik machen” bot Peter an, “die Cassetten sind in der Schublade.”
“Fein” sagte Olaf, “was hast du denn für’n Sound?”
“Alles mögliche, von Yello bis Beethoven. Ich bin für alles offen.”
“Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein” meinte Olaf grienend.
Von diesem Augenblick an mochte ihn Peter. Sie lächelten beide.
“Ist das ein pädagogischer Lehrsatz von der Uni?”
“Nur so’n Spruch.”
Olaf wollte sich aufrappeln, doch sein Muskelkater ließ ihn auf das Sofa zurückfallen. Dabei stöhnte und lachte er zugleich.
“Dreh dich auf den Bauch, ich massiere dich ein bißchen” befahl Peter. Er zog ihm das T-Shirt über den Kopf und begann, seinen Rücken zu kneten. Aber da war nicht viel zu massieren, der Bursche bestand fast nur aus Haut und Knochen.
“Mann, tut das gut” seufzte Olaf trotzdem.
“Paß bloß auf, daß du dir nicht auch noch einen Sonnenbrand holst. Behalte an Deck das Hemd an” riet Peter.
Aus den Bermuda Shorts lugten ein paar magere Beinchen hervor, die dünne Muskulatur war völlig verspannt.
“Wahrscheinlich tut dir die Maloche an Bord ganz gut. Vielleicht bekommst du in den drei Wochen sogar ein bißchen Fleisch auf die Rippen.”
“Schwacher Trost” zweifelte der Junge. “Jetzt kannst du aufhören. Dank dir, das hat wirklich geholfen.”
“Was liest du da?” fragte Peter.
“Prosa von Benn.”
“Nie gehört. Doch halt, war das nicht ein Nazi?” Peter glaubte, sich schwach zu erinnern.
“Er ist den Herren damals vorübergehend auf den Leim gegangen, aber 1936 war er schon entartet und bekam Schreibverbot.”
Die Besatzung begann um 6 Uhr morgens mit Zutörnen - ein anderes Wort für ‘Überstunden schieben’ und nicht zu verwechseln mit Eintörnen. Letzteres war die Bezeichnung für eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Seeleute an Land. Ohne Überstunden verdienten die Matrosen und Heizer weniger als Hilfsarbeiter auf dem Trockenen. Regulärer Arbeitsbeginn war um 8 Uhr, Sonntags wurde nicht gearbeitet. Peter war Frühaufsteher und hatte sich angewöhnt, mit den Unteroffizieren kurz vor 6 Uhr in der Schweinchenmesse Kaffee zu trinken.
Es wäre falsch gewesen, den Bootsmann zu bitten, den Robber nicht so hart ranzunehmen, genau das Gegenteil hätte er damit erreicht. Also schnitt Peter das Thema überhaupt nicht an. Als sich Olaf noch etwas verschlafen einen Becher Kaffee eingoß, teilte ihn der Scheich wie erwartet wieder an die Rostmaschine ein:
“Du machst weiter wie gestern.”
“Jawohl, Bootsmann” sagte Olaf, trank seinen Kaffee aus und stand auf.
Peter zwinkerte ihm zu, als er an Deck verschwand.
“Daß die uns so einen Spargeltarzan schicken. Du solltest mal sehen, wie der am Daddelhammer hängt” sagte der Bootsmann zu Peter.
“Ja” meinte der “wahrscheinlich hat er die meiste Kraft im Schwanz. Aber sonst ist er ganz in Ordnung. Doof ist er jedenfalls nicht.”
“Kann ich mir auch nix für kaufen” gramuselte der Scheich vor sich hin.
Ollie, der Bäcker, brachte frische Brötchen aus der Kombüse. Der Tag konnte beginnen.
Abends lag Olaf wieder mit Gottfried Benn auf Peters Couch. Aus den Boxen tönte “La Habanera” von Yello.
“Kommt gut beim Rauchen” berichtete Peter aus Erfahrung.
“Hast du was?”
“Nein, das ist an Bord zu heiß. Wenn sie dich erwischen, gibt das sofort den fristlosen Sack. Na, wie geht’s deinen Munkies, soll ich dich wieder bearbeiten?”
“Wenn du Bock hast” Olaf drehte sich auf den Bauch.
“Wo zieht’s denn am meisten, der Rücken?”
“Ja” sagte Olaf, “die Rostmaschine.”
“Übermorgen spürst du nichts mehr, wirst sehen.”
“Schön wär’s” zweifelte Olaf. “Du kannst das gut mit deinen Händen. Wo hast du das gelernt?”
“Von den Mädchen in Thailand. Es macht mir Spaß. Aber genug für heute. Gehen wir ein bißchen spazieren?”
Peter meldete sich beim dritten Offizier auf der Brücke ab:
“Ich geh mal mit dem Robber auf die Back. Ruf durch, falls der Seenotalarm anspringt.”
“In Ordnung.”
Sie gingen in der Dunkelheit an Steuerbordseite auf dem Hauptdeck nach vorne. Der Dampfer rollte leicht in achterlicher See. Da der Südostpassat ziemlich genau mit der Geschwindigkeit des Schiffes wehte, spürten sie kaum einen Hauch. Die Luft war warm und nicht sehr feucht. Wenn der Dampfer gemächlich überholte, ächzten die leeren Container in ihren Twist Locks. Eine schräg anlaufende See rauschte ruhig die Bordwand entlang und verklang achteraus. Auf der Back waren keine Maschinengeräusche mehr wahrzunehmen. Das Wasser der Ballasttanks drückte die Luft im Rhythmus der Rollperiode abwechselnd an Backbord und Steuerbord aus den Windhutzen der Ablüfter. Das Schiff atmete.
Sie lehnten sich über das Schanzkleid. Der Wulstbug hob sich ganz aus dem Wasser und tauchte mit anschwellendem Rauschen wieder ein. Hier war das Meeresleuchten am stärksten. Fluoroszierendes Plankton funkelte und tänzelte milliardenfach silbergrün in der Bugwelle.
Sie traten aus dem Schein der vorderen Dampferlaterne und kletterten auf die Luke. Auf dem warmen Metall des Lukendeckels streckten sie alle Viere von sich und schauten in das Universum. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber die Sterne standen zahlreicher und strahlender als über Land.
“Siehst du es?” fragte Peter.
“Was meinst du?”
“Das Kreuz des Südens” sagte Peter und zeigte mit ausgestrecktem Arm in den Himmel hinauf. Olaf rutschte an ihn heran und visierte an seinem Arm entlang.
“Diese vier größeren und der kleine rechts unten bilden ein schräg liegendes Kreuz. Du findest es in den Flaggen von Australien und Neuseeland wieder.”
“Ich glaube, ich hab’s” sagte Olaf und ließ seinen Kopf auf Peters Schulter liegen.
Peter nahm den Arm herab und legte ihn um seinen Nacken.
“Du schaffst das schon, du wirst es sehen.” Dann träumten sie eine Weile still zu den leuchtenden Bahnen der fallenden Sternschnuppen
“Kann ich nicht bei dir schlafen?” bat Olaf, als sie später geblendet in die Aufbauten zurück traten.
“Sei mir nicht bös, aber ich möchte das nicht wegen der anderen.”
“Scheiß Vorurteile” sagte Olaf. “Schade, aber ich kann dich verstehen.”
“Wenn dich der Ami anmacht, ist das natürlich was anderes. Dann kannst du jederzeit kommen, auch morgens um Vier. So, nun schlaf gut.”
“Danke. Du auch.”
Am anderen Morgen bestimmte der Bootsmann in der Schweinchenmesse:
“Olaf, du gehst mit Uli Farbe waschen, du verhungerst mir ja an der Rostmaschine.”
“Jawohl, Bootsmann” sagte Olaf. Peter hatte ihm eingebleut, den Bootsmann niemals “Scheich” zu nennen, da wurden die meisten wild.
Ollie brachte herrliche Brötchen “ganz ohne Pottasche” wie er betonte. Der junge Bäcker lehnte jede Backhilfe ab, schließlich hätte er seinen Job ja gelernt.
Tags darauf passierten sie an Backbord die Insel Pitcairn. Auf der Rückreise sollten sie dort ein Team des Norddeutschen Rundfunks aufnehmen, das eine Fernsehreportage drehte.
“Pitcairn” fragte Olaf abends, “ist das nicht..?”
“Die Meuterei auf der ‚Bounty‘, ja. Die Nachfahren Christian Fletchers leben noch heute da, aber nicht mehr viele. Zur Zeit sind es 49 und die Familien des Pfarrers und des Lehrers” klärte Peter ihn auf.
“Weißt du, wie lange das her ist?”
“Die Meuterei war 1789 vor Tonga. Auf Pitcairn sind sie im Januar 1790 gelandet. Vorher waren sie von den Austral-Inseln vertrieben worden. Nächstes Jahr feiert Pitcairn zweihundertsten Geburtstag.”
“Was heißt eigentlich Pitcairn?”
“Das ist der Name des englischen Fähnrichs, der die Insel zum ersten mal sah. Das war schon 23 Jahre früher, 1767 mit der HMS “Swallow”. Die “Bounty” hatte deren Unterlagen an Bord. Fletcher hat die Insel nicht zufällig gefunden. Aber sag, was macht dein Muskelkater?”
“Viel besser” freute sich Olaf, “und die Arbeit an Deck hat heute sogar Spaß gemacht. Uli ist in Ordnung. Machen wir wieder einen Spaziergang?”
“Große Lust hab ich nicht. Mir ist heute eher nach Musik. Du kannst ruhig lesen, dein Benn liegt ja noch da.”
“Hast du mal drin geschmökert?”
“Nein” gestand Peter. “Ich weiß nicht, was mit mir los ist, ich hab schon ein paar Jahre nicht mehr lesen können, keine Ruhe.”
“Ich les dir was vor” offerierte Olaf, “leg dich hin.”
“Sei nicht sauer, wenn ich einschlafe” warnte Peter.
Er legte sich bäuchlings auf die Koje und rutschte an die Wand. Olaf hockte sich im Schneidersitz zu ihm aufs Bett.
Olaf las eine halbe Stunde konzentriert ohne Versprecher, ohne ein einziges Verhaspeln. Schon nach den ersten drei Sätzen drehte Peter sich herum und konnte den Blick nicht mehr von seinen Lippen lösen. Olafs Tonfall schmiegte sich an diese magische Sprache, die Peter nie zuvor vernommen hatte. Das war keine Prosa, auch keine Lyrik, das war Musik. Peter wünschte, es würde nie enden. Als die Stimme schließlich doch verhielt, sahen sie sich hart in die Augen.
“Na?” lächelte Olaf dann.
“Das ist so schön, daß es weh tut.”
“Ja” sagte Olaf, “Heinrich Mann hat damit begonnen, Benn hat es vollendet. Die Gedichte bringen’s auch. Ich wollte mich ein bißchen revanchieren für gestern.”
“Das ist dir gelungen, Alter. Mehr als das.” Es stimmte. Der Junge hatte einen Keim gelegt.
Als Olaf in Melbourne von Bord ging, kam er eine halbe Stunde vor Festmachen in den Funkraum. “Ich möchte mich verabschieden. Du hast ja gleich keine Zeit mehr.”
Sie nahmen sich fest in die Arme.
“Danke für alles” sagte Olaf.
“Ich danke dir auch” antwortete Peter, “und paß auf die Känguruhs auf. Die hauen dich halbe Portion doch glatt um.”
Ein paar Häfen später erhielt Peter eine Postkarte ohne Unterschrift mit einem Gedicht von Benn:


DROHUNG


Aber wisse:
Ich lebe Tiertage. Ich bin eine Wasserstunde.
Des Abends schläfert mein Lid wie Wald und Himmel.
Meine Liebe weiß nur wenig Worte:
Es ist so schön an deinem Blut.




Fortsetzung folgt


Südlich von Tonga passierten sie die Datumsgrenze. Bisher hatten sie die Uhren an Bord jeden zweiten Tag eine Stunde zurückgestellt, nun übersprangen sie einen ganzen Tag. Nach alter Tradition wurde darauf geachtet, daß dieser Tag auf keinen Sonntag fiel. Zwei Tage später kam die Küste der Nordinsel Neuseelands in Sicht. Bereits in der Ansteuerung von Auckland umkreiste sie ein Hubschrauber des neuseeländischen Fernsehens, nach dem Festmachen an der Jellico Wharf wimmelte es auf dem Dampfer von Reportern und Kameraleuten. Auf der Brücke stellten sie ihre Gerätschaften auf und baten Alex Haley zu ihren Interviews. Lässig und souverän ließ der sympathische Schriftsteller alles über sich ergehen.
Dann verabschiedete sich das freundliche Team, nicht ohne den Stewards ein ansehnliches Bakschisch persönlich in die Hände gedrückt zu haben.
“Bye Chief” schüttelte der Boss Peter kräftig die Pranke “and don’t forget to see me back home.”
Die schwarze Lady lächelte noch bezaubernder als sonst. Peter küßte ihr die Hand.


Ollie




Die Auckland-Ladung war schnell gelöscht, die Beladung sollte erst auf der Rückreise erfolgen. Nach Auslaufen gab es eine böse Überraschung: der dicke Koch aus Kiel konnte seine Kammer nun gar nicht mehr verlassen. Schon seit Tagen hatte er dem Bäcker nur noch mit hochgelegtem Bein aus der Schweinchenmesse heraus Anweisungen erteilen können, jetzt stand der 19jährige Oliver ganz alleine in der Kombüse.


kolonnefress



Von seinen Brötchen, Broten und Kuchen waren alle an Bord begeistert, auch hatte er eineinhalb Reisen lang dem Koch über die Schulter gelinst, selbst gekocht indes noch nie. Jetzt sollte er für 25 Mann Besatzung und ein volles Haus Passagiere mindestens 14 Tage lang alleine backen und kochen, denn die frei gewordenen Kabinen waren ab Melbourne bereits wieder gebucht und Ersatz für den erkrankten Koch war erst für den zweiten Anlauf Auckland avisiert.
Zu Peters Aufgaben gehörte auch die Proviantabrechnung. Nun hielt er sich mehrmals täglich in der Kombüse auf, um den Jungen wenigstens moralisch zu unterstützen. Seine Kochkünste beschränkten sich auf das Öffnen von Konservendosen, dennoch konnte er ihm zum Beispiel beim Aufstellen des Speiseplans behilflich sein.
Ollie bewältigte die Herausforderung großartig. Jeden Tag stand er morgens um halb Fünf vor seinem Ofen und verließ die Kombüse nie vor 20 Uhr. Es gab keine einzige Beschwerde der Passagiere, auch die Besatzung war des Lobes voll, nur die erhoffte Unterstützung der Kameraden blieb aus.
Als Peter den Kapitän darauf ansprach, meinte dieser nur: ”Das soll die Kolonne Putz und Freß unter sich ausmachen.” Nach einem Appell an den Ersten Steward half dieser persönlich dem Bäcker wenigstens beim Abwasch. Alle befürchteten, die zusätzliche Arbeit ohne Bezahlung verrichten zu müssen. Die Schiffsführung hielt sich völlig zurück, der Betrieb lief ja.
Jeden Abend nach der Wache besuchte Peter den Backmann während dieser Zeit auf dessen Kammer, manchmal war der Junge ungeduscht in Arbeitskleidung auf dem Sofa eingeschlafen.
Bei der Anmusterung hatten sie auf dem Flug nach Philadelphia hintereinander in der voll besetzten Maschine gesessen und sich über den dicken Koch amüsiert, der neben Peter fürchterlich schnarchte.
Die benachbarten Passagiere lachten zunächst, dann warfen sie vorwurfsvolle Blicke herüber. Peter stieß dem Dicken ein paar mal den Ellenbogen in die wabbelige Seite, doch der Chef war nur während der Mahlzeiten wach zu halten, wobei er dann laut über den amerikanischen Plastik-Fraß moserte. Ollie stülpte Peter von Zeit zu Zeit barmherzig die Kopfhörer seines Walkmans über die Ohren, dann war eine Weile Ruhe.
Pausenlos gelöchert, beantwortete Peter später geduldig Olivers Fragen, denn es war dessen erster Einsatz auf einem Schiff. Schließlich wurde es ihm doch zuviel. “Ich schreib’s dir auf, wenn du mich eine halbe Stunde nicht nervst” bot er an. Vor der Landung in Philadelphia überreichte er ihm sein


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An Bord hatten sie anfangs wenig Kontakt, Peter war mit anderen Kollegen ausreichend beschäftigt. Manchmal, wenn Peter zwischendurch alleine in der Schweinchenmesse Kaffee trank, unterhielten sie sich schweigend, denn Ollie konnte mit den Augen sprechen. Abends war der Bäcker bei Lutz, dem Moses, in guten Händen. Die beiden lenzten so manche Buddel zusammen.
Die besonderen Umstände brachten sie nun einander auch persönlich näher. Peter erfuhr, daß der Junge bei Pflegeeltern aufgewachsen war, die in Leverkusen einen florierenden Frucht Import Handel betrieben. Man beschäftigte sich vornehmlich mit der Einfuhr von karibischen Bananen, materiell ging dem Kind nie etwas ab. Das Fehlen einer echten Bindung führte Oliver gleichwohl auf manchen Abweg. Unbefangen erzählte er von seinen Experimenten mit Drogen sowie seinen sexuellen Erfahrungen und Phantasien. Mit extrem tabuloser Einstellung und sexueller Hyperaktivität trieb er sich in der Kölner Szene herum; fast alles, was es gab, hatte er mit seinen 19 Jahren schon erlebt. Zur Zeit beschäftigten ihn unterschiedlichste Zukunftspläne, dabei würde die Seefahrt wohl nur eine Episode bleiben.
Der dicke Koch wurde von Melbourne aus nach Deutschland geflogen. Beim zweiten Anlauf Aucklands kam das Schiff am späten Nachmittag an, die Prospects versprachen eine Nacht und den folgenden Tag an der Pier. Im Laufe des anderen Tages sollte der neue Koch eintreffen, zu Frühstück und Lunch war Ollie noch alleine.
Eine Nacht in Auckland war regelmäßig mit dem Eintreffen der “Smirnoff Gang” verbunden. Hierbei handelte es sich um eine Damentruppe, die sich allabendlich im “Lions Pub” aufhielt und um 23 Uhr, wenn der Laden nach alter britischer Sitte dichtmachte, ihren Wirkungskreis auf ein im Hafen liegendes Schiff verlegte.
Den Damen ging es vorrangig um geistige Getränke, die Seeleute nutzten die Gunst der Stunde. Viele Heizer und Matrosen waren so miteinander verwandt geworden, Lochschwager nannten sie an Bord dieses Verwandtschaftsverhältnis.
Die “Smirnoff Gang” war eine gemischte neuseeländische Mädchenriege, die sowohl aus Maoris als auch aus Damen europäischer Abstammung bestand. Zuweilen wurden sie von einem männlichen Teilnehmer mit Gitarre begleitet. Gefeiert wurde in der Bar, später verteilte sich die Gesellschaft auf die einzelnen Kammern. Meistens kam sogar die dicke Maori irgendwo unter. “Die hat nur bei mir auf dem Sofa gepennt” hieß es dann morgens in der Schweinchenmesse.
Kim, die jüngere von zwei Schwestern, war Peter vor sieben Jahren zum ersten Mal begegnet. Damals war sie ein ausgesprochenes Königskind, blond und bildhübsch mit tadelloser Figur. Nun waren ihre Haare dunkel, die Jahre waren auch sonst nicht spurlos an ihr vorbei gegangen. Im Gegensatz zu früher trank sie nun wie ihre Schwester Pam. Eines hatte sich nicht verändert, sie schlief nur mit jungen, knackigenTypen.
Auf “Columbus Virginia”, war es Thorsten, der Moses, den sie erwählte. Der Junge hatte sich unsterblich in sie verknallt, Peter durfte die verliebte Korrespondenz der beiden übernehmen, wobei er eher seine eigenen Vorstellungen von Liebesbriefen verwirklichte, als Thorstens spröde Worte zu übersetzen. Mit Erfolg, wie die Antworten bewiesen.
An diesem Abend unternahm Peter mit Michel einen langen Spaziergang die Queen Street hinauf und über den Museumsberg durch die Parkanlagen wieder zurück. Ein letztes “Beine vertreten” vor dem Aufbruch zu einer neuen Safari durch ihre blaue Wüste. Der Stille Ozean bedeckte immerhin ein Drittel der Erdoberfläche, mehr als alle Landmassen der Erde zusammen. In der Queen Street waren sie Ollie und Lutz begegnet, aber die Jungs hatten andere Pläne, Ollie war schließlich seit Charleston nicht mehr an Land gekommen.
Nach einem Klapperschluck auf Michels Kammer hauten sie sich auf ihre Matten.
Morgens kurz vor Sechs klingelte bei Peter das Telefon.
“Entschuldigen sie, daß ich so früh störe, aber ich bekomme den Bäcker nicht aus der Koje.” Es war Uli, der auf Nachtwache eingeteilt war.
“Ich komme.” Peter schlüpfte in seinen Trainingsanzug und ging hinunter. In der Kombüse war alles dunkel, der Bootsmann trank in der Schweinchenmesse Kaffee.
“Wär Scheiße, wenn der Backmann am letzten Tag noch Mist baut” meinte der Scheich.
“Das kannst du laut sagen.” Peter goß sich Kaffee ein. Uli kam gerade von einem weiteren erfolglosen Weckversuch zurück.
“Ich habe wie ein Irrer an seine Tür geklopft. Das Telefon hat er abgehängt.”
“Vielleicht ist er noch gar nicht von Land zurück” kam Peter in den Sinn.
“Doch” sagte Uli, “er ist mit dem Mufti um Zwei an Bord gekommen. Dann waren sie noch eine Weile in der Bar.”
“Du wirst doch gleich abgelöst” sagte Peter zu Uli. “Tust du mir einen Gefallen und holst 80 Brötchen von Land? Hier hast du 50 Dollar, nimm ein Taxi.”
“Mach ich” sagte Uli. “Was heißt eigentlich Brötchen auf Englisch?”
“Ich glaube Rolls” meinte Peter.
“Gute Idee” stimmte der Bootsmann zu.
Dann ging Peter ein Deck höher zu Ollies Kammer. Der Schlüssel steckte von innen, er war also da. Mit dem Masterkey war nichts zu machen. Auf lautes Klopfen kam keine Reaktion. Peter kannte die Bäckerkammer. Die Koje lag direkt an der Wand zum Flur. Er suchte die Stelle, wo das Kopfende sein mußte und donnerte mit dem Fuß ein paar mal dagegen, daß die ganze Wand wackelte. Eine Mädchenstimme sagte etwas auf Englisch.
“I’m the Radio Officer” sagte Peter laut. “Please open the door, otherwise Ollie will get in serious trouble.”
Der Schlüssel wurde herumgedreht, in der Tür stand die splitternackte Kim.
“Excuse me.” Peter ging hinein, Kim schlüpfte wieder in die Koje. Ollie stand in der Toilette und versuchte, mit seiner Wasserlatte beim Pinkeln das Becken zu treffen.
“Nimm das Waschbecken” sagte Peter, “das geht leichter”
Ollie war sauer. “Was soll der Scheiß?” protestierte er ernsthaft böse.
“Den Scheiß machst du, wenn du nicht sofort in deine Kombüse verschwindest” erwiderte Peter.
“Ist sowieso zu spät” grummelte der Junge, seine Uhr hatte er anbehalten.
“Nix ist zu spät. Wenn wir Freunde bleiben wollen, gehst du jetzt sofort hinunter. Uli ist unterwegs und holt Brötchen von Land. Fürs Frühstück hast du noch genug Zeit. Klatsch dir kaltes Wasser in die Fresse. Ich bleib solange, bis du hier raus bist.”
Ollie sagte nichts mehr, aber er stieg mit finsterem Gesicht in seine Plünnen. Dann knallte er die Tür hinter sich zu.
“Very sorry Kim” entschuldigte sich Peter, “but Ollie is a nice guy. I don’t want to see him in trouble.”
“It’s alright” sagte das Mädchen, “but how come you know my name? I’ve never met you before.”
“You should know me cose I’ve written so many letters to you.”
Sie blickte ihn verständnislos an. “Can you get me some juice or coke from the fridge?” bat sie.
“Sure. Don’t you remember Thorsten from “Columbus Virginia” some years ago?” fragte Peter auf dem Weg zum Kühlschrank.
“Certainly I do” erinnerte sich Kim, “did you write those letters?”
“I was only his translator” schränkte Peter ein.
Sie nahm die Cola und richtete sich auf. Peter setzte sich zu ihr aufs Bett. Ihre Brüste hingen kein bißchen. Sie registrierte seinen Blick.
“Well” lächelte sie, “my hair was fair that time.”
“But otherwise you haven’t changed much.” Peter zwang sich, seinen Blick zu lösen.
Da zog sie ihn zu sich heran. “How is Thorsten now?” wollte sie wissen, während sie mit Peter spielte.
“He’s married now and not a sailor anymore” berichtete Peter, er war sofort steif.
“He was a nice boy” sagte Kim, dann schwiegen sie. Auf dem Nachtkästchen neben der Koje lagen Ollies Kondome. Sie machte alles. Peter hatte nicht einmal die Tür verschlossen. Aber Ollie hatte zur Zeit andere Sorgen.
Als sich Peter eine halbe Stunde später in der Schweinchenmesse eine Mug Kaffee eingoß, half der Bootsmann dem Bäcker in der Kombüse. Nun konnte nichts mehr schiefgehen.
Während der coffee-time um 10 Uhr winkte Ollie den Funker herein. Der Junge war schon fast wieder nüchtern.
“Danke für vorhin” sagte er.
“Kannst ja heute abend einen ausgeben” schlug Peter vor.
“Mach ich” versprach Ollie. “Aber jetzt muß ich hoch auf die Kammer. Ich habe nichts mehr beschickt heute nacht, zu besoffen.”
“Aha, deswegen” entschlüpfte es Peter.
“Was meinst du?” forschte Ollie.
“Ach nichts” antwortete Peter nur.

kimpam



Nachmittags gegen Zwei klopfte der OA an alle Kammern: “Besucher von Bord. Auslaufen in einer Stunde.
Peter stand auf dem Poop Deck neben der Staatstreppe und wartete auf die Behörden. Ollie brachte Kim zur Gangway. Das Mädchen küßte Peter auf die Wange “Take care noisy man” lächelte sie. Dann nahm sie Ollie in die Arme. Ein Matrose kam mit Pam heraus, die beiden Schwestern kletterten vorsichtig die Gangway hinab. Die dicke Maori war die Letzte, sie kam alleine. Ollie lehnte sich neben Peter auf das Schanzkleid. Zusammen sahen sie den Mädels nach.
“Ich glaube, die liebt mich” erklärte er nach einer Weile.
“Hat sie das gesagt?” wollte Peter wissen.
“Sowas merkt man doch” behauptete der Bäcker.
“Wollen wir wetten, daß die beiden gleich da vorne auf den anderen Dampfer gehen?” schlug Peter vor.
“Das glaub ich nicht” hoffte Ollie.
Vor ihnen lag ein großer Engländer, der vor zwei Stunden festgemacht hatte. Die Mädchen blieben stehen. Man sah, daß sie stritten. Pam wollte an Bord, Kim nach Hause. Kim zog an Pams Kleid, sie wollte weiter. Dann redeten sie wieder aufeinander ein. Schließlich kletterten beide die steile Gangway hinauf.
“Siehst du” sagte Peter, “du hättest verloren.”
Ollie schluckte. “Ich leg mich noch eine Stunde aufs Ohr, wir haben ja wieder einen Koch.”
Kurz nach 20 Uhr erschien er mit einem Six-Pack Holsten Bier in der Funkbude.
“Ich muß mich doch bedanken für heute früh” erklärte der Junge.
“Prima” freute sich Peter, “ich möchte mich bei dir auch bedanken.”
“Wofür?”
“Das war eine saubere Leistung, die du ohne Koch hingelegt hast.”
“Da bist du der Einzige, der das so sieht” vermutete Ollie.
“Nein” korrigierte ihn Peter. “Meinst du, der Scheich hätte dir sonst heute morgen geholfen? Das war seine Art der Anerkennung. Manche sagen das nicht, aber du merkst es trotzdem.”
Sie setzten sich an Deck in den Windschatten der Aufbauten. Aus dem Schornstein stoben die Funken der glühenden Rostpartikel über sie hinweg. Es war schön, so zu sitzen.
“Du bist in Ordnung” bekannte Ollie nach einer Weile, “ich bin froh, daß ich dich getroffen habe.”
“Du bist auch ein feiner Kerl” gab Peter zurück, “hoffentlich bekommst du die Kurve.”
“Woran denkst du?”
“An deinen Urlaub in Kolumbien. Versprich mir, daß du dich meldest, wenn du wieder zu Hause bist.”
“Schön, daß du dir um mich Sorgen machst. O.K., ich ruf dich an” versprach Ollie.
“Das ist nicht unbegründet, glaub mir, ich kenne Kolumbien. Ich meine auch nicht nur das Coca. Du mußt verdammt aufpassen, daß du nicht unter die Räder kommst.”
Dann schwiegen sie wieder, jeder hing seinen Gedanken nach. Das Six-Pack war im Nu lenz. Peter holte ein neues.
Der Druck auf die Blase wurde zum Problem. Über die Kante konnte man nicht pinkeln, der Wind schlug die Brühe zurück. Um jedesmal auf ihre Kammer zu gehen, waren sie zu faul. Also strullten sie in die leeren Flaschen und warfen sie über Bord. Es war zwar schwierig, in den engen Flaschenhals zu treffen, aber mit der Zeit bekamen sie Übung. Beobachten hätte sie dabei allerdings keiner dürfen.
Plötzlich hatte Ollie eine Idee. An Bord wurde seit geraumer Zeit Bier geklaut. Nicht aus den Kühlschränken heraus, aber an Deck durfte man über Nacht nichts stehen lassen, sonst war es am Morgen leergesoffen.
Beim nächsten Six-Pack lösten sie behutsam die Kronenkorken, pinkelten die leeren Buddeln vorsichtig voll, damit nicht zuviel Schaum entstand und drückten die Kronenkorken wieder auf die Flaschen. Bald war ein komplettes Six-Pack voll, äußerlich war nichts zu erkennen. Sie lachten sich halbtot in kindlicher Vorfreude. Es könnte klappen, man würde sehen.
Dann berichtete Ollie von seinem Landgang mit Lutz. Sie waren durch die Pubs gezogen und hatten tatsächlich eine brauchbare Lady aufgerissen, die sie mit nach Hause nahm. Dort kam man ziemlich schnell zur Sache, die Dame legte ihnen ein Sortiment Präservative in allen möglichen Farben und Formen vor.
“Du weißt schon” erklärte Ollie, “solche mit Zacken, Kronen und Hahnenkamm mit und ohne Geschmack.” Sie lagen schon nackt und gefechtsbereit zu dritt im Bett. Doch als Ollie Lutz direkt ins Geschehen einbeziehen wollte, machte dieser einen Rückzieher, stand auf und hockte sich qualmend in die Ecke.
“Dann hat er zugeschaut, bis ich fertig war. Ich fand das auch geil, aber die Alte war ein bißchen sauer. Wir mußten mit dem Taxi an Bord, obwohl sie ein Auto hatte.”
“Schlamm schieben wollte Lutz auch nicht?” erkundigte sich Peter.
“Nein, der war vor mir wieder angezogen.”
Nach dem fünften Six-Pack hatten sie die nötige Bettschwere.
“Ich glaub, ich hau mich hin” meinte Ollie, “sonst mußt du mich morgen früh schon wieder wecken.”
“Gute Idee” sagte Peter. “Gute Nacht, Schwager.”
“Was hast du gesagt?”
“Daß das eine gute Idee ist” wiederholte Peter.
“Nein, das andere” hakte der Junge nach.
“Gute Nacht, Schwager.”
“Sag bloß, du hast …?”
“Ich habe nicht” stellte Peter richtig, “sie hat.”
Am Morgen ging Peter auf dem Weg zur Schweinchenmesse an der Stelle vorbei, wo sie gesoffen hatten. Aus dem Six-Pack war eine Flasche herausgenommen und halb leer. Der Dieb hatte einen kräftigen Schluck genommen. Als Peter sich Kaffee eingoß, begegnete sein Blick den sprechenden Augen des Bäckers. Doch nicht nur die Augen sagten, daß auch er es gesehen hatte. Auf seinem Gesicht lag ein breites Grinsen.


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